Politik : Der Mahner des Herrn

Bischof Wolfgang Huber wird an diesem Sonntag 65

Claudia Keller

Wollte man ein Leben entlang der Momente erzählen, in denen jemand angekommen ist, bei sich, seinem Können und seinen Hoffnungen, jene Stunde im Januar diesen Jahres in der Stadtkirche in Wittenberg gehört dazu. Bischof Wolfgang Huber hielt damals unter der Kanzel Martin Luthers stehend einen theologisch versierten, geschliffenen Vortrag über „Evangelisch im 21. Jahrhundert“.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hat schon viele Reden gehalten, auf Kanzeln, Podien und vor Kameras. In Wittenberg ging es um mehr. Der Vortrag war der Auftakt zu einer „Reformdekade“, mit der Huber seine Mitbrüder und Mitschwestern für eine tiefgreifende Erneuerung des deutschen Protestantismus gewinnen will. Das Projekt ist das ehrgeizigste Ziel in Hubers Laufbahn, die auch bisher an Herausforderungen nicht arm war. An diesem Sonntag wird er 65 Jahre alt. Politiker und Kirchenleute gratulierten, die Bundeskanzlerin dankte ihm für sein „reiches Wirken in christlicher Verantwortung“.

Wolfgang Huber, 1942 in Straßburg in eine renommierte, dem NS-Staat nahestehende Juristenfamilie geboren, gehört einer Generation von Theologen an, die durch die Studentenbewegung geprägt wurden. Dass sich Kirche politisch engagiert, ist für Huber so selbstverständlich wie das silberne Kreuz an seinem Revers. So nutzt der asketisch wirkende, eloquente Theologe als Berliner Landesbischof und seit 2003 als EKD-Ratsvorsitzender jede Chance, um denen eine Stimme zu geben, die in der schnelllebigen, auf Erfolg und Schönheit getrimmten Gesellschaft abgehängt werden: Kindern aus armen Familien, Alten, Ausländern, Behinderten. Huber ist einer der wichtigsten Mahner geworden, die sich bei ethischen Debatten einmischen und vor den Folgen eines Kapitalismus warnen, der alle Lebensbereiche umfasst und Menschen nur noch unter dem Aspekt der Nützlichkeit sieht.

Umso überraschter waren Kirchenleute, als der EKD-Ratsvorsitzende für den innerkirchlichen Reformprozess Unternehmensberater und Banker zu Rate zog und sich deren Sprache zu eigen machte. Aber auch kluge Intellektuelle, selbst die, die den Tag mit einem Gebet und einer Losung der Herrnhuter Brüdergemeine beginnen, stehen sich bisweilen selbst im Weg und sind nicht vor jedem Anflug von Eitelkeit geschützt.

Der „Zukunftskongress“ der EKD tagte in Wittenberg, Huber hielt seinen wegweisenden Vortrag unter der Kanzel des großen Reformators. Das zeigt einen Anspruch mit Fallhöhe. Dafür muss man Mut haben, gute Nerven und ein dickes Fell.

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