Politik : Der Mandela von Ost-Timor: Xanana Gusmao

Tanja Stelzer

Für die einen ist er ein asiatischer Ché Guevara, für die anderen ein versöhnungswilliger Politiker, für die dritten ein nachdenklicher Poet. Wahrscheinlich liegt es an den verschiedenen Gesichtern des José Alexandre Gusmao, dass er von vielen als Gesprächspartner über eine friedliche Lösung für Ost-Timor akzeptiert und sogar geschätzt wird. Seit gestern ist Gusmao wieder ein freier Mann, nach sechs Jahren Haft, die er vor allem im berüchtigten Hochsicherheitsgefängnis Cipinang in Jakarta abgesessen hat, und nach sieben Monaten Hausarrest. Sollte es tatsächlich ein unabhängiges Ost-Timor geben, könnte er dessen Präsident werden.

Der Mann hat alle Qualitäten eines Volkshelden: 1976, als Indonesien sich die Inselhälfte einverleibte, ist er nicht wie der spätere Friedensnobelpreisträger José Ramos Horta ins Ausland geflüchtet, sondern hatsich für den Kampf entschieden. Er legte sich den Kriegsnamen Xanana zu und übernahm 1978 das Kommando über den militärischen Flügel der marxistischen Widerstandspartei Fretilin. 13 Jahre lang hat die indonesische Armee Gusmao in den Bergen und Wäldern Ost-Timors gejagt. Als er schließlich 1992 in Dili festgenommen wurde, war er völlig erschöpft und schwer krank. Gusmao wurde wegen Aufrufs zur Rebellion und illegalen Waffenbesitzes zu lebenslanger Haft verurteilt, die Präsident Suharto unter internationalem Druck auf zwanzig Jahre reduzierte. Suhartos Nachfolger Habibie hat die Strafe zuletzt in Hausarrest umgewandelt.

Seine persönliche Freiheit hätte Gusmao schon früher aushandeln können. Die Regierung hatte ihm mehrmals vorgeschlagen, ihn freizulassen, wenn er ins Exil ginge. Für Gusmao war das ein unmoralisches Angebot, das er ablehnte. Er zog es vor, die Fretilin, deren Präsident er inzwischen geworden war, von seiner Zelle aus zu führen. So erwarb er sich den Spitznamen "Mandela von Ost-Timor", und der wirkliche Mandela war denn auch einer von jenen, die sich für eine Freilassung Gusmaos stark machten, genauso wie UN-Generalsekretär Kofi Annan.

Gusmao, dessen Familie in Australien im Exil lebt, umgibt die Aura eines Märtyrers und die eines Intellektuellen noch dazu. Er hat eine katholische Schule und ein Jesuiten-Seminar besucht, und im Gefängnis schrieb er Gedichte und zuletzt auch Artikel für Tageszeitungen. Seit er unter Hausarrest stand, gingen Journalisten und westliche Diplomaten bei ihm ein und aus. Von der marxistischen Ideologie hat er sich lange verabschiedet. Ihm geht es heute - wie der Fretilin überhaupt - nur noch um die Unabhängigkeit. Für die will sich Gusmao nun als freier Mann einsetzen, zunächst jedoch von der britischen Botschaft in Jakarta aus. Nach Ost-Timor zurückzukehren, wäre zu gefährlich gewesen. Der indonesische Justizminister wollte nicht für Gusmaos persönliche Sicherheit garantieren.

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