Politik : Der Mann, der aus der Kühle kam

Frank-Walter Steinmeier hat eine Stärke: seine Gelassenheit. Nun wird er Vizekanzler, und er sagt, dass es so konfliktarm nicht weitergehen wird. Falls das stimmt, wird es Schaden anrichten. Fragt sich nur wo

Vor wenigen Tagen hat Frank-Walter Steinmeier, 51, verraten, wie er sich in seiner Jugend das Leben eines Außenministers vorstellte: „Ich erinnere mich an schwarze Limousinen, aus denen festlich gekleidete, arabische Prinzen stiegen.“ Es ist ein Abend am vergangenen Wochenende. Der Politiker mit dem schlohweißen Haar und der kleinen, randlosen Brille steht im Scheinwerferlicht und redet als Laudator bei der Verleihung des Medienpreises der Kindernothilfe. Der Mensch, der Steinmeier ist, stellt schnell klar, dass sein Traum von den Prinzen nicht wahr wurde: „Leider hat das wenig mit der Realität zu tun.“

Vom Amt des Außenministers kann man träumen. Es beflügelt auch die Fantasie derjenigen, die von Politik wenig Ahnung haben. Über das Amt des Vizekanzlers, das er nun zusätzlich übernimmt, verliert Steinmeier auf dem Podium kein Wort. Die Aufgabe verspricht Macht, ist aber nicht einmal im Grundgesetz beschrieben. Kein Mensch sehnt sich in seiner Jugend danach, eines Tages Koordinator des kleineren Teils einer Regierungskoalition zu werden. Wer von Macht träumt, träumt von der ganzen Macht.

Am heutigen Mittwoch wird Frank- Walter Steinmeier Vizekanzler. Das kann ihn nicht ganz so überrascht haben, wie manche behaupten. In der Kabinettsitzung wird die Bundeskanzlerin den scheidenden Franz Müntefering würdigen und ihm für seine Arbeit danken. Er war auf SPD-Seite der Garant einer stabilen Regierungsarbeit. Und dann wird Angela Merkel eine Formel finden, mit der sie Steinmeier lobt. Dabei verfolgen manche Unionspolitiker den Karriere-Schub und die neuen Töne des Außenamtschefs mit Misstrauen. „Der will nun selbst Kanzlerkandidat werden“, sagt einer.

Fast zwei Jahre lang war Steinmeier zum Leidwesen vieler in der SPD der loyalste aller Merkel-Minister. Doch seit dem SPD-Parteitag Ende Oktober erfindet sich der Sohn eines Tischlers als Parteipolitiker neu und attackiert auch die Kanzlerin. Er bedient sich plötzlich einer Sprache, die ihm wenige zugetraut haben. „Ich werde sicher nicht nur der freundliche Herr vom Auswärtigen Amt sein“, hat er schon mal via „Bild“-Zeitung wissen lassen und damit den Anspruch erhoben, der Vorkämpfer der SPD in der Regierung zu werden. Er wolle „ganz klar Stellung beziehen – auch wenn es wirklich mal Krach gibt“.

Aber Steinmeier wäre nicht Steinmeier, wenn nicht auch seine Kampfansage etwas Kalkuliertes hätte. Sie kommt aus dem Kopf, nicht aus dem Bauch. Sechs Jahre lang war der promovierte Jurist aus Niedersachsen Gerhard Schröders wichtigster Helfer als Chef des Kanzleramts. Auch als er 2005 zum Chefdiplomaten ernannt wurde, hatte er noch nie einen Wahlkampf bestritten, sich nie einer Abstimmung gestellt. Es war für ihn eine Premiere, dass ihn ein SPD-Parteitag wählte – zum stellvertretenden Parteichef, und das mit dem besten Ergebnis von drei Kandidaten. In den nächsten Bundestag will er auch einziehen, als Direktkandidat in Brandenburg.

Er selbst hat sich mit seinem Vorgänger Joschka Fischer verglichen: Der sei „gleichsam als Politiker geboren“, meinte er und fügte hinzu: „Ich habe Politik im Laufe meiner Karriere gelernt.“ Kann man als Politiker von 51 Jahren das Kämpfen in aller Öffentlichkeit noch lernen? Frank-Walter Steinmeiers Wesen zielt nicht auf Überwältigung durch Gefühle, sondern auf Überzeugung mit Argumenten. So sieht er sich, seine Haltung nennt er „protestantischen Pragmatismus, der Offenheit beim Zuhören und Vernunft in der Entscheidung einschließt“.

Genau so redet er auch, wenn er sich gerade nicht zum Kämpfen aufstellt, sondern als Außenminister agiert. Im großen Ballsaal des Berliner „Ritz Carlton“ am Potsdamer Platz hält Steinmeier am Wochenende auf einer Tagung der Herbert-Quandt-Stiftung eine Rede zur Energiepolitik. Am kreisrunden Tisch sitzen Menschen aus vielen Ländern, die einen Konzern oder zumindest eine Gedankenfabrik leiten. In den glatt gewienerten Türflügeln spiegeln sich meterhohe Lüster, die Säulen sind vergoldet.

Steinmeier steckt ab und zu eine Hand in die Tasche, redet ruhig, sein Ton ist werbend, er spart mit Gesten. Er weiß: Seine Zuhörer vertreten Interessen, mit denen kann er umgehen, das heißt: rational umgehen. Das Thema ist heikel, weil Deutschland auf Jahrzehnte abhängig bleibt von russischen Gaslieferungen. Die Kanzlerin fährt einen weit kritischeren Kurs gegenüber Präsident Wladimir Putin als der Außenminister. Der zählt an diesem Abend Gründe auf, warum Moskau gebraucht wird – vom Kosovo über Afghanistan bis zum iranischen Atomprogramm.

In Steinmeiers Rede gibt es keinen Höhepunkt, sondern nur den Wunsch, „dass wir uns den langen Atem gestatten, der notwendig ist, um die Beziehungen zu Russland weiter zu entwickeln.“ Nach einer Dreiviertelstunde hat der künftige Vizekanzler selten „ich“ gesagt – er bevorzugt das „Wir“ – und schon gar nicht „Ich will das so“, wie es Gerhard Schröder gerne tat. Sogar wenn er sich abgrenzt spricht er im Konjunktiv: „Ich würde davor warnen…“ Er ist doch der freundliche Herr aus dem Auswärtigen Amt.

Als Steinmeier längst weg ist, holt Gerhard Schröder Stunden später vor gleichem Publikum zu einem weit härteren Schlag aus: Es sei gefährlich, sich in den Beziehungen zu Russland von Gefühlen leiten zu lassen, die auf „Erfahrungen mit Systemen wie der DDR“ beruhen, meint der Altkanzler mit Blick auf seine Nachfolgerin Merkel. Zwar habe er „Verständnis für die Besonderheit von DDR-Biografien“, aber das russische Gas werde gebraucht. Als das Zitat Tage später bekannt wird, schäumt die Union.

Der Außenminister aber tritt zunächst an anderem Ort noch einmal vor ein Mikrofon: Er hält für die Kindernothilfe die Laudatio auf zwei Filmemacher, bei der er von seinem Jugendtraum über das Leben eines Außenministers berichtet. Vor ihm spricht Ex-Sozialminister Norbert Blüm über den Sieger in der Kategorie Foto. Die Auftritte geraten zum Vergleich zwischen einem Politiker, der mitten ins Herz der Menschen zielt, und einem Kabinettsmitglied, das seine Rolle in der Öffentlichkeit noch sucht.

Der alte CDU-Kämpfer Blüm hebt die Stimme, rudert mit den Armen, haut aufs Pult, dass das Mikrofon scheppert, als er das Leiden der Kinder beschreibt. Über Fotos sagt er einen Satz, der nicht nur für Fotos gilt: „Was nur im Kopf ankommt, bewegt die Welt nicht.“ Dann ist Steinmeier dran. Auch er spricht von „Wut“, von „Entsetzen“, von „Trauer“ über das Schicksal von Kindersoldaten. Aber sein Körper verrät nie, dass er von diesen Empfindungen etwas spürt. Kurz vor Schluss der Rede steckt er wieder eine Hand in die Hosentasche. Es ist ein Signal von Gelassenheit, auch von Distanz. Gelassenheit ist eine der Stärken von Steinmeier. Doch hier ist sie fehl am Platz.

Was manche an ihm vermissen, weiß der Außenminister genau. „Unterschiedliche Typen“ brauche die Politik, sagt er, nämlich „die Rampensau, den Nachdenklichen, den eher Bauchgesteuerten und hoffentlich auch den, der mit Augenmaß eine gerade Furche zieht“. In dem ehrlichen Furchenzieher, der beharrlich sein Feld bestellt, erkennt er sich selbst.

Die Unfähigkeit zur Überwältigungsrhetorik verbindet Steinmeier ausgerechnet mit jener Politikerin, mit der er sich künftig öffentlich messen will – mit Angela Merkel. Auch ihre Kompetenz erschloss sich lange nicht, wenn man nur ihre öffentlichen Auftritte beobachtete.

Und so begleitet die Union den Aufstieg des Außenministers mit einer zwiespältigen Haltung. Das Kanzleramt hatte sofort erkannt, dass die SPD-Minister nach Münteferings Abschied wieder ein Koordinierungszentrum brauchen, wenn die Koalition weiter funktionieren soll. Zugleich fürchtet die Union, dass Steinmeier aus parteipolitischen Gründen gezielt den Konflikt mit Merkel suchen wird – womöglich sogar zum Schaden der deutschen Außenpolitik.

Die Kanzlerin stellt sich darauf ein, künftig mit zwei starken Sozialdemokraten zu verhandeln – mit Kurt Beck und dem Vizekanzler. Spekulationen, wonach er selbst SPD-Kanzlerkandidat werden wolle, weist Steinmeier zurück: „Ich wünsche mir, dass Kurt Beck es macht.“ Doch das Wort von SPD-Generalsekretär Hubertus Heil, wonach das Willy- Brandt-Haus nach Münteferings Abgang „das strategische Zentrum“ der SPD werden müsse, wischt er beiseite: Es gebe „kein Oben und kein Unten“ im Verhältnis zum Parteichef, erklärt er. Gleichzeitig versichern Steinmeiers Leute, dass sich der katholische Menschenversteher Beck aus Rheinland-Pfalz und der protestantische Vernunftmensch aus Niedersachsen bestens verstehen.

Doch auch manche SPD-Linke verdächtigen Generalsekretär Heil, dass er Steinmeier als Kandidaten durchdrücken will. Zumindest die Heil-Vertrauten bestreiten das: „Wenn Hubertus das probieren würde, wäre er kein Generalsekretär, sondern ein Selbstmordkandidat – und das ist er nicht.“

Und was, wenn Kurt Beck selbst in einem Jahr entscheidet, dass der Mann mit den weit besseren Umfragewerten größere Chancen als Herausforderer von Angela Merkel hätte? Frank-Walter Steinmeier wird diese Frage künftig verfolgen, ob er will oder nicht. Ihm sind schon zu viele Aufgaben zugefallen. Und wer an der Macht Gefallen findet, will nicht die halbe, sondern die ganze. Das wäre dann sogar sehr vernünftig.

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