Politik : Der Mann, der zu viel wusste

Martin Alioth

Ein prominenter katholischer Bischof Irlands hat diese Woche die Verantwortung für seine jahrelange Vernachlässigung der Opfer von sexuellem Missbrauch durch Priester seiner Diözese übernommen: Bischof Brendan Comiskey von Ferns, im Südosten Irlands, verkündete seinen Rücktritt nach beinahe 18 Jahren an der Spitze seiner Diözese überraschend am Montagnachmittag. Auslöser war eine Fernsehdokumentation des britischen Fernsehsenderst "BBC" vor zwei Wochen. Darin sprachen vier Opfer des Priesters Sean Fortune erstmals über ihre Erfahrungen.

Fortune hatte 1999, unmittelbar vor dem Beginn eines Gerichtsverfahrens, Selbstmord begangen. Comiskey und andere katholische Würdenträger wussten seit 20 Jahren von den Klagen gegen ihn und unternahmen nichts. Stattdessen erhielt er nach jedem Skandal eine neue Pfarrei. Avril Doyle, Europaabgeordnete aus der benachbarten Hafenstadt Wexford, nannte Fortune einen "schrecklichen Menschen, den bösartigsten Manipulator, den ich je getroffen habe".

Doch Fortune, der bis zu einhundert Jugendliche und junge Männer sexuell missbraucht haben soll, war nicht der einzige perverse Kleriker in der Diözese. Erst vor kurzem wurde bekannt, dass Bischof Comiskey eine sechsstellige Entschädigungssumme für ein anderes Missbrauchsopfer bewilligt hatte, dem im Priesterseminar von Wexford Gewalt angetan wurde. Irische Zeitungen sprachen von einem Pädophilenring.

Der Bischof hatte sich eine Litanei der Unterlassungen zuschulden kommen lassen, und sich, im Einklang mit den Gepflogenheiten der Katholischen Kirche, kaum um die Not der Opfer gekümmert. Brendan Comiskey war einst die liberale, aufgeschlossene Hoffnung der Katholischen Kirche Irlands. Im Kreise der vergreisten Bischöfe galt er als jugendliche Stimme. Seit er 1995 - in Bedrängnis wegen seiner Untätigkeit im Falle Fortune - für einige Monate in die USA verschwand wurde es stiller um ihn. Jetzt hat der 67jährige die Konsequenzen gezogen. Irlands Kardinal, Desmond Connell, und der Primas der irischen Kirche, Sean Brady, bedauerten seinen Abgang, aber auch sie hatten lange von den kriminellen Vorgängen in der Diözese gewusst. Die irische Kirche hat sich unlängst bereit erklärt, 128 Millionen Euro in einen Entschädigungsfonds einzuzahlen, mit Opfer von Missbrauch in kirchlich geführten Waisen- und Arbeitshäusern entschädigt werden sollen.

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