Politik : Der Nachfolger gerät in den Sog der Kohl-Affäre - und wehrt sich kaum (Analyse)

Robert Birnbaum

Was wusste Wolfgang Schäuble? Seit aus der Affäre Kiep eine Affäre Kohl geworden ist, steht die Frage nach der Mitwisserschaft seines Nachfolgers unausgesprochen im Raum.

Sie stellt sich - auch ohne konkrete Verdachtsmomente - gewissermaßen von selbst. Denn Schäuble hat seit Beginn der Ära Kohl in Schlüsselpositionen Politik mit Kohl und Politik für den Altkanzler gemacht. Er war schon Fraktionsgeschäftsführer der CDU/CSU, als Kohl 1982 Regierungschef wurde; er wurde zwei Jahre später Kanzleramtschef, dann Innenminister, war der Chefunterhändler für den Vertrag zur deutschen Einheit. Seit 1991 ist er Fraktionsvorsitzender; zu Regierungszeiten nach Funktion und politischer Statur der zweite Mann, von Kohl zum Nachfolger designiert, heute der erste Mann der CDU.

Dass Schäuble etwas gewusst hat von Kohls schwarzer Kassenführung, haben bisher alle bestritten, die etwas gewusst oder geahnt haben. Kohl selbst hat seinen Nachfolger entlastet. Der Ex-Generalsekretär Geißler hat einen Bericht dementiert, er habe Schäuble schon 1998 eine Warnung zukommen lassen. Der Fraktionsgeschäftsführer Hörster versichert, Schäuble habe nichts davon gewusst, auf welchem konkreten Weg 1,1 Million Mark von einem Konto der Fraktion zur Partei gewandert sind.

Schäuble selbst erinnert sich, das ist bemerkenswert, sehr viel vorsichtiger. Er könne, hat er vor Wochen schon gesagt, keinen Eid darauf leisten, dass nicht in irgendeiner Runde mit Helmut Kohl auch mal ein Satz der Art gefallen sei, er, Kohl, habe seine Mittel und Wege, um auftretende Finanzprobleme zu lösen. Wohlgemerkt: Wolfgang Schäuble sagt nicht, der Satz sei gefallen. Aber wenn sich einmal ein Zeuge an solche Sätze erinnern und obendrein berichten würde, dass Schäuble dabei gesessen habe, als sie fielen - dann hat der badische Jurist eine Rückversicherung: Er hat nie behauptet, gänzlich ahnungslos gewesen zu sein.

Die Frage, was Wolfgang Schäuble wusste, ist nun freilich mit dem Hinweis auf seine vielfältigen Funktionen im System Kohl nicht beantwortet. Dafür war Schäubles Stellung zu Kohl stets viel zu schillernd - eine Mischung aus Nähe und Distanz, in der in den letzten Jahren die Distanz beständig wuchs. Dass Kohl ihn zum Nachfolger ausrief, war lediglich ein Trick, um den Nachdrängenden kalt zu stellen.

Freilich ein überflüssiger Trick - Schäuble hat bis zuletzt nie ernsthaft den offenen Aufstand gegen den Alten geplant; er hat alles mitgemacht, murrend, aber nach außen loyal. Gegen Kohls Willen könne niemand Kohl stürzen, lautete das Schäublesche Paradoxon. Es lautet so bis heute. Schäuble hat sich nie von Kohl abgesetzt, sondern eher die schleichende Erneuerung der CDU versucht. Er ahnte, in welchen Strudel eine offene Abkehr von Kohl die Partei gerissen hätte. Er wusste auch, dass er als dessen langjähriger Paladin, als halb designierter, halb resignierter Erbe kaum die Chance hatte, den Neuanfang zu verkörpern. Er glaubt nach wie vor, nicht den Königsmörder spielen zu dürfen - auch nicht, erst recht nicht im Nachhinein.

Diese Vorgeschichte erklärt viel von der eigentümlich zögernden Haltung Schäubles in der Spendenaffäre. Er ist kein radikaler Aufklärer - lässt aber seine Generalsekretärin Angela Merkel gewähren. Er zählt nicht zu denen, die den Schmutz auf dem Denkmal Kohl so lange wienern und putzen, bis er wie Patina wirkt - hindert die Weißwäscher aber auch nicht. Wenn Kohl die Namen seiner Spender nicht nennen wolle, könne man ihn nicht zwingen, hat er jetzt gesagt - genau so hat er vor dem Wahldebakel 1998 resigniert festgestellt, der Alte sei eben uneinsichtig.

Diese Vorgeschichte erklärt aber nicht alles. Sie rechtfertigt vor allem nicht alles. Wenn ein Parteichef angesichts eines renitenten Vorgängers nur den ratlosen Ratschlag parat hat, die Partei müsse sich wohl dem Kohlschen System auch diesmal noch beugen und mit ihm zusammen die Sache aussitzen, dann provoziert er Fragen, auch an sich selbst. Die Frage zum Beispiel, wem es dient, wenn er Kohl nicht weiter in die Enge zu treiben versucht - Helmut Kohl, der Partei, ihm selbst? Und je nach Antwort folgt eine weitere Frage. Sie lautet: Was hätte Wolfgang Schäuble wissen können, wissen müssen?

Freilich, die CDU wird diese Frage ihrem neuen Chef kaum stellen. So wenig, wie sie Fragen an den alten gestellt hat. Auch das gehört in das Kapitel: Das System Kohl lebt fort.

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