Politik : Der nächste Schlag kommt bestimmt

Als die USA in Afghanistan ihren Anti-Terrorkrieg begannen, mussten die Kämpfer der Al Qaida fliehen – aber nur für kurze Zeit. Heute gelten sie als gefährlicher denn je

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Von Frank Jansen

Sie handeln, wie sie reden. „Der Islam schließt keinen Waffenstillstand mit Ungläubigen“, steht in einem Al-Qaida-Handbuch, das die britische Polizei bei einer Razzia fand. Nein, der Islam setze auf den „Dialog der Kugeln, die Ideale des Meuchelmords, auf Bombenanschläge und Zerstörung und die Diplomatie von Kanone und Maschinengewehr“. Weltweit. Sicherheitsexperten schätzen, dass Al Qaida in etwa 60 Staaten präsent ist. Mit teils gelenkten, teils autonom agierenden Zellen, die Anschläge vorbereiten. Mit Geschäftsleuten, die Geld waschen (manchmal ohne ihr Wissen), mit Drogen-, Diamanten- und Waffenhändlern, mit Schleusern und mit Geistlichen, die junge Männer für den Heiligen Krieg rekrutieren.

Deutsche und internationale Sicherheitsbehörden vergleichen Al Qaida mit einem Krebsgeschwür. Trotz der Niederlage in Afghanistan, die Osama bin Laden und den Taliban unvorstellbar schien. Sie hatten geglaubt, die Amerikaner und ihre Verbündeten würden mit dem Militärschlag, der knapp einen Monat nach dem 11. September begann, genauso scheitern wie einst die sowjetische Besatzungsmacht. Doch innerhalb weniger Monate mussten die Gotteskrieger ihre Festungen und Trainingscamps aufgeben. „Das war eine unkoordinierte Flucht“, sagen Experten. Dennoch gelang es der Führung von Al Qaida und Taliban mit tausenden Kämpfern, nach Pakistan und Iran zu entkommen. Die Niederlage hat die Partner aber nicht mit der gleichen Härte getroffen. Das Taliban-Regime verlor die Macht. Al Qaida „nur“ eine Schlacht.

Anschlag zum Millennium

Schon vor dem Angriff der Nato hatten sich zehntausende muslimische Terroristen über den Globus verteilt. Nach der militärischen Ausbildung in den Camps in Afghanistan und in Teilen Pakistans flogen und fuhren die meisten jungen Männer wieder in die Länder zurück, aus denen sie gekommen waren. Nach Arabien, Europa, Ost- und Südostasien. Wie Mohammed Atta, Marwan Al Shehhi und Ziad Jarrah, die von Hamburg aus den Angriff gegen die USA vorbereiteten und am 11. September die Cockpits von drei Passagiermaschinen stürmten. Andere Kämpfer begaben sich direkt nach Nordamerika, um das verhasste Land anzugreifen. Einer war Ahmed Ressam. Im Dezember 1999 wurde der Algerier an der kanadisch-amerikanischen Grenze festgenommen. Mit 58 Kilogramm Sprengstoff, den er in der Silvesternacht einsetzen wollte – bei einem „Millenniumsanschlag“ auf den Flughafen von Los Angeles.

Ressams Plan gilt inzwischen als Modellfall. Mit dem Verlust der Basen in Afghanistan sind von Al Qaida verstärkt Anschläge zu erwarten, die weniger aufwändig vorbereitet werden müssen als der Angriff auf das World Trade Center. Die nach dem 11. September versuchten und verübten Terrorakte, die Fachleute Al Qaida zuschreiben, zeugen von einer flexiblen Strategie des Schreckens.

Am 22. Dezember 2001 versucht der Brite Richard Reid, in einem Jumbojet auf dem Flug von Paris nach Miami seine mit Sprengstoff gefüllten Schuhe anzuzünden. Passagiere können den Attentäter gerade noch überwältigen. Reid hat in Afghanistan eine militärische Ausbildung absolviert. Der Anschlagsversuch gilt bei Sicherheitsexperten als typisches Beispiel des „mid level terrorism“, den Al Qaida jetzt vorrangig betreibt – genauso wie das Attentat auf der Ferieninsel Djerba. Am 11. April 2002 sprengt sich der Tunesier Nizar Ben Mohammed Naouar mit einem Kleinlaster samt 5000 Liter Flüssiggas vor der Synagoge „El Ghriba“ in die Luft. 21 Menschen sterben, darunter 14 deutsche Touristen. Al Qaida bekennt sich zu der Tat.

Es gibt aber auch Hinweise auf fortwährende Planung von Mega-Anschlägen. Im Juni hebt Marokkos Polizei eine dreiköpfige Zelle saudischer Al-Qaida-Mitglieder aus. Das Trio hat Angriffe auf amerikanische und britische Kriegsschiffe in der Straße von Gibraltar und die recht große jüdische Gemeinde in Marokko vorbereitet. „Eine klassische Al-Qaida-Operation“, sagt ein Sicherheitsfachmann. Die Saudis wurden in heimatlichen Moscheen rekrutiert, dann in afghanischen Lagern zu Terroristen ausgebildet – noch bis Ende 2001. Anschließend setzten sich die Männer nach Karachi ab. Die pakistanische Hafenstadt gilt als Hochburg und logistisches Zentrum des islamistischen Terrorismus. Hier erhielt die Dreiergruppe Startkapital und Instruktionen für Marokko. Mit der Maßgabe, ständig Rücksprache zu halten. Doch die Kommunikation mit Chefplanern der Al Qaida wurde den Saudis zum Verhängnis.

Wie viele Zellen sind wo und wie lange schon ähnlich aktiv? Das Beispiel Marokko verstärkt die Sorgen der Sicherheitsbehörden noch. Die Experten verweisen auf Anschläge, für die eine aufwändige Vorbereitung notwendig war – und die dennoch parallel organisiert werden konnten. Ein Beispiel: Der Angriff eines Selbstmordkommandos auf die USS Cole am Hafen von Aden, bei dem im Oktober 2000 insgesamt 17 Amerikaner starben, wurde genauso ab 1998 geplant wie die Anschläge des 11. September 2001.

Zu der neuen, flexiblen Terrorstrategie zählt offenbar auch der Versuch, neben der weiter existierenden, aber unsicheren Al-Qaida-Rückzugsbasis im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet einige Nebenzentren zu bilden – in Gebieten, die die jeweilige Staatsmacht nicht unter Kontrolle hat.

Im wilden Kurdistan

Al-Qaida-Trupps haben sich in dem von Tschetschenen beherrschten Pankisi-Tal in Georgien festgesetzt. In der autonomen Kurdenregion in Nordirak sammeln sich Kämpfer, die mit der örtlichen Gruppierung „Ansar al-Islam“ mehrere Dörfer beherrschen. Der irakische Geheimdienst scheint Hilfe geleistet zu haben, um das Kurdengebiet zu destabilisieren. „Die paar Agenten reichen aber nicht, um eine Verbindung zwischen Saddam Hussein und Osama bin Laden zu konstruieren“, betonen deutsche Experten. Etwa 200 Al-Qaida-Krieger sind offenbar nach Ain el-Hilweh gelangt, das große Palästinenserlager in Südlibanon. Gemeinsam mit der Islamistenmiliz „Asbat al-Ansar“ sollen bin Ladens Leute versucht haben, die Macht über den 75 000 Einwohner zählenden Komplex zu erobern. Bislang vergeblich.

Al Qaida ist ein Jahr nach dem 11. September vielleicht noch gefährlicher. „Die kombinieren jetzt internationalen Terror mit Guerilla-Krieg in Afghanistan“, sagt ein Experte. Und das Al-Qaida-Handbuch prophezeit weitere Eskalation: „Sammelt eure Kräfte, um den Terror in die Herzen der Feinde Allahs und eurer Feinde zu tragen. Und in die Herzen der anderen, die ihr noch nicht kennt. Aber Allah kennt sie.“

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