Politik : Der Nebel des Krieges

Der Libyen-Einsatz zieht sich hin – zur Frustration auch der führenden Offiziere / Ein Besuch bei General Bouchard im Mittelmeer

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Einsatz gegen Gaddafi: Ein französischer „Tiger“-Transporthubschrauber bereitet sich nach einem nächtlichen Einsatz in Libyen auf die Landung auf dem Flugzeugträger „Tonnerre“ vor. Leiter der Libyen-Operation ist der kanadische General Bouchard. Foto: Joel Saget/AFP
Einsatz gegen Gaddafi: Ein französischer „Tiger“-Transporthubschrauber bereitet sich nach einem nächtlichen Einsatz in Libyen auf...Foto: AFP

Südliches Mittelmeer - Die Türken seilen sich ab. Ein, zwei, drei Mann verlassen den Hubschrauber. Unten an Deck des verdächtigen Schiffes sichern die Marinesoldaten ihre Position. Erst dann kommt das Schlauchboot hinter dem Zerstörer Yildirim hervor und bringt noch mehr bewaffnete Kontrolleure herbei. Alle zusammen verhören sie die Crew, durchforsten Papiere und die Ladung. Gefunden haben die türkischen Marines nichts. Es ist schließlich eine Übung, und das verdächtige Schiff ist die rumänische Fregatte „Regele Ferdinand“, die dem eigenen Nato-Flottenverband angehört.

Der Mann, der mit dem Schauspiel beeindruckt werden soll, beobachtet die Szene aus ein paar hundert Metern Abstand durchs Fernglas. Der kanadische General Charles Bouchard, der die Libyen- Operation der Nato befehligt, steht an Bord des italienischen Flugzeugträgers „Giuseppe Garibaldi“. Er lehnt auf der Reling, Sonnenbrille auf dem Kopf. Senkrecht fast brennt die Sonne herunter – man ist relativ nah am Wendekreis, 34 Grad 2 Minuten nördlicher Breite und 16 Grad 6 Minuten östlicher Länge, rund 200 Kilometer nordwestlich von Tripolis. Etwas näher ist es zur Hafenstadt Misrata.

Am liebsten hätten sie an Bord ihrem Befehlshaber nicht nur eine Übung gezeigt, sondern wirklich ein Schiff geentert, das möglicherweise zur See das Waffenembargo gegen Libyen unterlaufen will. Doch es ist nun einmal keines in der Nähe. Bouchard zeigt sich auch so zufrieden, verteilt Lob und trägt zur Freude der Matrosen die Garibaldi-Mütze. Wie überhaupt der maritime Teil seiner Mission dem General wohl die geringsten Sorgen machen muss. Insgesamt 22 Schiffe, U-Boote und Seeaufklärer sollen verhindern, dass die Truppen des Machthabers Muammar al Gaddafi mit neuem Kriegsgerät versorgt werden. Das sind nicht eben viele für eine 1100 Kilometer lange Küstenlinie, aber genug, versichert der Vizeadmiral Rinaldo Veri. Zumindest interpretieren er und Bouchard die Zahlen so: Von den 1344 Schiffen, mit denen seit Blockadebeginn bei der Anfahrt auf einen libyschen Hafen Kontakt aufgenommen wurde, mussten sich 95 einer Kontrolle an Bord unterziehen; nur acht wurden danach an der Weiterfahrt gehindert. Nicht das Netz sei zu löchrig, so die Lesart, vielmehr seien potenzielle Waffenlieferanten durch die Nato-Präsenz abgeschreckt.

Drei Monate Luftkrieg mit 4256 Luftangriffen gegen Gaddafis Truppen sind vorüber. Und so wie die Nato als Ganzes betont auch General Bouchard in seiner kurzen Ansprache auf dem Schiff die bisherigen Erfolge: Bengasi frei, der Hafen von Misrata offen für Hilfsgüter, verstärkter Druck auf Tripolis, die Armee des Diktators sei „immer weniger in der Lage, die eigene Bevölkerung anzugreifen“. Und auch im Westen des Landes, den Gaddafis Leute halten, „entwickelt sich die Lage sehr gut“. All das liegt ganz auf der Linie, die Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen vergangene Woche beim Verteidigungsministertreffen in Brüssel vertreten hat: Die Frage sei nicht mehr ob, sondern nur noch wann Gaddafis Herrschaft ende.

Unter Deck wird im Offiziersklub ein Buffet aufgetragen. Und erst hier, mit einem Gläschen Rotwein dazu, legt der General die Nato-Sprechschablonen beiseite und zeichnet ein etwas differenzierteres Bild. Dass der Libyen-Einsatz schon länger geht, als der 57-jährige Kanadier erwartet hat, zeigt die Tatsache, dass er mittlerweile schon den zweiten Städtetrip mit seiner Frau hat absagen müssen. Erst sollte es nach Paris gehen, dann nach Istanbul. Und es zeichne sich überhaupt nicht ab, wann er das nachholen könne: „Wir warten noch auf den Wendepunkt in Libyen, danach geht es schnell.“ Ständig kreist das Tischgespräch um den Mann, der offiziell gar nicht das Ziel dieses Nato-Einsatzes ist: um Gaddafi. Und zwischen den Zeilen scheint dabei die Frustration des Militärs durch über das politische Mandat, das es erhalten hat. Resolution 1973 des Weltsicherheitsrates fordert nur ein Ende der Gewalt gegen die Zivilbevölkerung, die Gaddafis Regime verübt. Bouchards Auftrag lautet demnach, dessen Militär daran zu hindern. Viele Panzer, Stellungen und Kommandozentren sind zerstört worden, „Gaddafi selbst ist aber nicht das Ziel“, sagt der Nato-General. Wann also werden die Kämpfe enden? „Diese Frage müssen Sie Herrn Gaddafi stellen. Wenn er heute seine Armee zurückzieht, ist meine Mission erledigt“, sagt Bouchard fast trotzig. Mit den daraus entstehenden politischen Problemen müssten dann andere fertig werden: „Können Sie sich noch ein Libyen vorstellen, das weiter von Gaddafi regiert wird?“

Die Militärs – und das schmeckt ihnen nicht – sind abhängig von Gaddafis Entscheidungen. Beziehungsweise davon, dass „die Libyer für sich selbst entscheiden“, wie der Kanadier formuliert, um gleich danach einzuräumen, dies sei „in einem so repressiven System leider sehr schwierig“. Der Oberbefehlshaber berichtet von 25 000 Geiseln, die das Regime nahe wichtiger Stellungen gefangen hält. Er erzählt von Satellitenfotos, zeigt sie aber nicht, auf denen direkt neben einer Bunkeranlage ein Vergnügungspark für Kinder zu sehen sei. „Unsere Bomben sind 150 Meter daneben eingeschlagen, aber kein Zivilist ist dabei zu Schaden gekommen.“ Bilder soll es auch davon geben, wie unter einem Haus Raketengeschosse versteckt werden, während eine Frau auf der Terrasse die Wäsche zum Trocknen aufhängt. All das klingt ein wenig so, als suche Charles Bouchard nach Entschuldigungen dafür, dass nicht wenige inzwischen befürchten, Libyen könne sich zu einem zweiten Afghanistan entwickeln.

Im Kontrollturm herrscht die Nato-übliche Geheimniskrämerei. Die Frage nach dem Einsatzort eines eben gelandeten Jets und dem Ziel des Bombenabwurfs erntet nur ein breites Grinsen und eine Floskel: „Das Flugzeug ist in einer sehr wichtigen Mission unterwegs gewesen“, sagt die Dame hoch über dem Flugdeck, „und alles ist gutgegangen“. Als der italienische Pilot fünf steile Leitertreppen weiter unten dem Kommandozentrum von seinen Erlebnissen im Himmel über Libyen berichtet hat, ist sein Arbeitstag beendet. Er hat viel zu erzählen, würde auch gern reden, will aber die Zustimmung seines Vorgesetzten. Der sagt rüde nein: „Diese Informationen sind nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.“ So steht er also da der junge Mann, der gerade eine Bombe über Libyen abgeworfen hat, und schweigt. Und das Bild von der wirklichen Lage in Libyen bleibt – gelinde gesagt – unvollständig.

Charles Bouchard kennt es am besten, doch auch er scheint von Zweifeln geplagt, wenn er den alten Clausewitz bemüht und selbst vom „Nebel des Krieges“ spricht. „Wir tun alles, damit er sich lichtet“, sagt der General, ehe er den bereitstehenden Transporthubschrauber besteigt.

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