• Der Neonazi-Partei könnte weiteres militantes Potenzial zuwachsen. Die Sicherheitsbehörden reagieren alarmiert

Politik : Der Neonazi-Partei könnte weiteres militantes Potenzial zuwachsen. Die Sicherheitsbehörden reagieren alarmiert

Frank Jansen

NPD und rechtsextreme Skinheadszene kommen offenbar weiter aufeinander zu. Nach Informationen des Tagesspiegels diskutiert die einflussreichste Gruppierung im Spektrum der braunen Kahlköpfe, "Blood & Honour" (Blut und Ehre), eine Verstärkung der politischen Aktivitäten sowie eine enge Zusammenarbeit mit den Nationaldemokraten. Bislang hat die "Division Deutschland" der 1987 in England gegründeten und in mindestens 13 Staaten aktiven Skinhead-Vereinigung vor allem Konzerte mit rechtsextremen Bands veranstaltet, den Vertrieb von CDs und Musikkassetten organisiert sowie Fan-Broschüren, sogenannte "Fanzines", verbreitet. Eine strategische Kooperation zwischen "Blood & Honour" und der NPD wäre brisant: Der Partei, die bereits viele Neonazis auf ihre Seite gebracht hat, wüchse weiteres militantes Potenzial zu. Außerdem könnte die NPD ihre Kontakte zu ausländischen Rechtsextremisten über das internationale Netzwerk von "Blood & Honour" ausbauen. Die Sicherheitsbehörden beobachten denn auch die Neu-Orientierung von "Blood & Honour", wie es heißt, "mit Interesse".

Am 9. Oktober wollten sich etwa 150 "Blood & Honour"-Aktivisten in Sachsen-Anhalt treffen, um die politische Strategie jenseits des Musikgeschäfts zu besprechen. Die Versammlung in einer Gaststätte im Dorf Thießen wurde jedoch vom Landkreis Anhalt-Zerbst verboten. Die aus Ost- und Westdeutschland angereisten Skinheads fuhren widerstandslos in ihre Heimatorte zurück. Nun wird weiter nach einem Treffpunkt für die Strategiedebatte gesucht.

In welche Richtung diskutiert wird, lässt sich indes in der August-Ausgabe des gleichnamigen "Blood & Honour"-Fanzines nachlesen. Dort ist ein Interview mit der Berliner Band "Landser" abgedruckt, die in der Szene wegen ihrer brutalen Texte ("100 000 Liter Strychnin für Kreuzberg") Kultstatus genießt. In dem dreiseitigen Text wird nur eine Aussage optisch hervorgehoben: "Die NPD ist die einzige überhaupt noch wählbare Partei." Weiter verkündet "Landser" kollektiv: "Das Verdienst der NPD ist im Moment, die freien Kräfte zu vereinen, vor allem auch im Kampf gegen die Reemtsma-Schandausstellung . . .". Damit ist die Ausstellung über Verbrechen der Wehrmacht gemeint, gegen die Rechtsextremisten Sturm laufen. Den Auftakt der Hetzkampagne startete die NPD im März 1997 mit der bis dahin größten Neonazi-Demonstration in der Geschichte der Bundesrepublik: 4500 Rechtsextremisten, darunter zahlreiche Skinheads, marschierten in München auf.

Auch bei der bis heute nicht abreißenden Serie von NPD-Demonstrationen sind häufig "Blood & Honour"-Skinheads dabei. Erst am vergangenen Sonntag marschierten sie mit anderen Neonazis sowie NPD-Funktionären im mecklenburgischen Ludwigslust. Gemeinsam wurde "Ruhm und Ehre der Waffen-SS" skandiert. Wie in Ludwigslust war auch im April dieses Jahres bei einer NPD-Kundgebung im Berliner Bezirk Marzahn der Anführer der "Sektion Berlin" dabei, der nach Informationen des Tagesspiegels die gesamte "Division Deutschland" leitet. Die Sicherheitsbehörden beobachten schon seit einiger Zeit, dass "Blood & Honour"-Skins bei NPD- und anderen Neonazi-Märschen als Ordner auftreten. Dies genügt maßgeblichen "Blood & Honour"-Aktivisten aber nicht. Sie wollen nicht nur Security-Anhängsel sein, sondern politisch mitmischen.

Die Annäherung der Skinhead-Gruppierung an die NPD ist allerdings intern umstritten. Der Anführer der Sektion Berlin scheint die Hinwendung zu den Nationaldemokraten vorantreiben zu wollen. Dies trägt ihm allerdings den Vorwurf von Gefolgsleuten ein, das lukrative Musikgeschäft zu vernachlässigen. Außerdem hat die NPD an Skinheads nicht nur Freude. In Sachsen haben seit Jahresbeginn zahlreiche Glatzköpfe die Partei verlassen, weil sie ihnen nicht militant genug auftrat.

Nach Ansicht der Sicherheitsbehörden geht die Annäherung von "Blood & Honour" und NPD bislang nicht so weit, dass vom Aufbau eines SA-Flügels der Partei gesprochen werden kann. Außerdem stünden offizielle Reaktionen der NPD auf die Avancen von "Blood & Honour" noch aus. Doch die Aktivitäten der Skinhead-Gruppe, zu deren hartem Kern in Deutschland mehrere hundert Glatzköpfe zählen, bereiten den Behörden schon länger Kopfzerbrechen. So gelang es "Blood & Honour", Anfang September in Sachsen-Anhalt das bundesweit bislang größte Konzert zu veranstalten. 2000 Skins aus allen Teilen Deutschlands, aus Österreich, der Schweiz, Tschechien, Polen, Dänemark und Großbritannien überrumpelten die Polizei. Vier rechtsextreme Bands spielten im Ort Garitz (Kreis Anhalt-Zerbst) in einem ehemaligen Klubhaus, heute ein Hotelkomplex, auf. Die Polizei stand vor dem Eingang, drinnen wurden Nazi-Parolen gebrüllt. Gegenüber dem Tagesspiegel räumte ein Sprecher der Polizeidirektion Dessau ein, man habe die mögliche Brisanz des Konzerts "erst zu spät herausbekommen".

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