Politik : Der neue Bundestag beginnt, Geschichten zu produzieren (Glosse)

Thomas Kröter

Der Reichtstag ist ein ehrwürdiger Ort, wenngleich als Bundestag noch ein Baby. In neuer Funktion hat er noch nicht Geschichte gemacht, aber Geschichten produziert. Eine rankt sich um eins seiner am wenigsten genutzten Zimmer: den Andachtsraum. Die karge Liegenschaft soll Abgeordneten aller Religionen Gelegenheit zum Gebet geben; aber ach, so wurde von christlichen Politikern beklagt, es fehlt ein zentrales Utensil - das Kreuz. Inzwischen ist, an dieser Stelle bereits gelobt, nachgebessert worden. Deutlich sichtbar steht ein kleines Balkengebilde auf dem altarähnlichen Klotz an der Stirnseite. Ein Ortstermin offenbart allerdings mehr. Wer seinen Blick von der kleinen Neuerung nicht fesseln, sondern auf die Wand dahinter schweifen lässt, stellt Verwunderliches fest: Auf zwei Tafeln hat Gunter Uecker, der Gestalter des Raumes, mit seinem - zugegeben - gewöhnungsbedürftigen Lieblingsmaterial gearbeitet. Es sind Nägel. Die spitzen Werk- und Haushaltsutensilien sind in Formen angeordnet, die - pardon - verteufelt der des kleinen Gegenstandes davor ähneln. Man muss schon blind sein, oder nachhaltig sehunwillig, um nicht zwei Kreuze, eins davon ein wenig verfremdet, zu erkennen. Warum dann die Aufregung? Warum hat niemand in dieser Aufregung nachgeschaut? Es passte halt schön. Der Raum mutet auf Anhieb unwirtlich an. Es bedarf des nachhaltigen Willens zur Andacht, um seinen Reiz zu erkennen. Ästhetisch, übrigens, stört das kleine vor den beiden großen Kreuzen. Aber das ist der Eindruck eines areligiösen Menschen, der die Stille und Einsamkeit des Ortes genießt.

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