Politik : Der neue Schweizer Botschafter in Berlin will mit einigen Mythen aufräumen

Christoph von Marschall

Die "meistgestellte Frage", das sei die nach der Schweizer Botschaft. Thomas Borer, der gestern als erster Botschafter nach dem Umzug der Regierung sein Beglaubigungsschreiben in Berlin an Bundespräsident Johannes Rau übergab, hofft im nächsten Herbst dort einziehen zu können - "als direkter Nachbar von Reichstag und Bundeskanzleramt". Der Termin habe sich durch den Bau des Tunnels unter dem Regierungsviertel verzögert.

In seinem neuen Amt will der Diplomat der "Erosion des Erscheinungsbildes der Schweiz" insbesondere bei den jüngeren Deutschen entgegentreten. Die deutsche Sicht seines Landes sei von Mythen und Vorurteilen geprägt, sagt Borer im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Die Banken und eine konservative Grundhaltung, das verbänden viele mit der Schweiz. Wenige wüssten um die technische Modernität und die wirtschaftliche Leistungskraft. Das kleine Land liege beim Bruttosozialprodukt weltweit an 16. Stelle und damit vor weit größeren Ländern wie der Türkei, Mexiko oder Polen. Wenig wahrgenommen werde auch die "europäische Solidarität" der Schweiz. Sein Land habe mehr Kosovo-Flüchtlinge aufgenommen als jeder der EU-Staaten.

In manchem könne die Schweiz Deutschland als Anregung dienen, meint der 1957 in Basel geborene Diplomat, der in den letzten drei Jahren die Task Force "Schweiz - Zweiter Weltkrieg" geleitet hatte, die die Rolle der Schweiz als Finanzplatz während der Nazi-Herrschaft untersuchte. Dass die Arbeitslosigkeit in seiner Heimat nur bei 2,6 Prozent liegt und die Sozialsysteme weit weniger unter Druck stehen als in Deutschland, führt Borer auf die größere Flexibilität des Arbeitsmarktes und die geringere Steuerbelastung der Unternehmen zurück. In der Schweiz gebe es kein amerikanisches Heuern und Feuern, aber der Arbeitsmarkt sei auch nicht so überreguliert wie in Deutschland.

Skeptisch blickt der neue Botschafter auf die Bemühungen der Steuerharmonisierung in der EU. In der Schweiz lege jeder Kanton selbst die Steuern fest, und mit diesem Wettbewerb habe sein Land beste Erfahrungen gemacht. "Eine Harmonisierung richtet sich nach aller Erfahrung am höchsten Satz aus, nicht am niedrigsten." In allen anderen Bereichen fördere die EU die Konkurrenz und wolle Kartelle verhindern. Warum nicht auch beim Steuersystem, zumal die wirtschaftlichen Bedingungen in den einzelnen EU-Ländern unterschiedlich seien?

Die Schweiz werde ihre Integration in die EU "in Schritten fortsetzen", erwartet Borer. In der Volksabstimmung 2000 werde die Bevölkerung die EU-Verträge annehmen. Es werde aber "noch ein paar Jahre dauern", bis die Regierung ihr "strategisches Ziel" des Beitritts erreiche. Und auch was denUN-Beitritt anlangt, den die Schweizer 1981 noch abgelehnt hatten, glaubt der Botschafter, dass eine neue Abstimmung "in den nächsten Jahren" positiv ausfällt.

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