Politik : Der neue US-Präsident: "Ohne die Amerikaner läuft hier nichts"

Claudia Lepping[Albrecht Meier],Thomas Gack

Morgens um sechs Uhr schallt das Lied über das Militär-Camp Bondsteel im Südosten des Kosovo: "Ich bin stolz, Amerikaner zu sein. Gott beschütze die USA." Vier Stunden später sind die brüchigen Straßen rund um Urosevac und Gjnilane nahezu komplett von US-Militärfahrzeugen verstopft. Sie haben Vorfahrt - nicht nur vor den Einheimischen, sondern auch vor den Hilfsorganisationen.

4500 US-Soldaten sind in der amerikanischen Militärbasis Bondsteel stationiert. Wer mit dem Auto rund um das in der Ebene gelegene Lager fahren will, braucht eineinhalb Stunden. Mit Anbruch der Dunkelheit erhellen die Lichter des Lagers den Horizont noch auf viele Kilometer Sichtweite entfernt. "Bondsteel ist der größte amerikanische Militärposten außerhalb der USA", sagt ein deutscher Oberst a. D., "die Amerikaner haben sich hier für einen längeren Aufenthalt eingerichtet, um aus militär-strategischer Sicht den Russen in Europa den Zugang zur Adria zu versperren."

Die Amerikaner haben sich für ihre Kosovo-Mission "Force Protection" die abgelegenste Region in ihrem Sektor ausgesucht. Insgesamt sind 7000 US-Soldaten im Rahmen der internationalen Kfor-Friedenstruppe für Kosovo im Einsatz. Der US-Sektor grenzt im Süden an Mazedonien, im Norden an Serbien und im Osten an die Krisenregion Presevo-Tal, wo sich Kosovo-Albaner und Serben nach wie vor Grenzscharmützel liefern.

Trotz der beeindruckenden Demonstration der Stärke im Kosovo wollen die Amerikaner langfristig ihre internationale Militärpräsenz verringern. So sieht es jedenfalls der Koordinator für die deutsch-amerikanischen Beziehungen, Karsten D. Voigt. Er ist überzeugt davon, dass die umstrittenen Wahlkampf-Äußerungen von Bushs Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice ernst zu nehmen sind. Bushs außenpolitische Beraterin hatte die Frage gestellt, ob es die Aufgabe amerikanischer Luftlandetruppen sei, "auf dem Balkan Kinder auf dem Schulweg zu begleiten". Sollen künftig also allein die Europäer für Sicherheit auf dem Balkan sorgen? Die Vorstellung, dass die USA künftig weltweit für Militäreinsätze, die Europäer dagegen für die Friedenssicherung zuständig sein sollten, sei "problematisch", sagte Voigt am Donnerstag dem Tagesspiegel: "Es ist auch im Interesse der USA, ihren Einfluss auf Friedenssicherungs-Einsätze zu wahren." Über die künftige Lastenteilung zwischen Europa und den USA müsse zwar verhandelt werden, so Voigt. Aus der Sicht des SPD-Politikers müssten Einsätze wie während des Golfkrieges aber auch in Zukunft gemeinsam von Amerikanern und Europäern geschultert werden. Die USA hätten auch weiterhin ein Interesse daran, sich bei ähnlichen Auseinandersetzungen die Chance zu wahren, auch auf europäische Kontingente zurückzugreifen.

Im Brüsseler Nato-Hauptquartier reagieren diplomatische Kreise mit großer Gelassenheit auf die Ankündigungen, die im Wahlkampf aus der Umgebung Bushs zu hören waren. "Europa ist für die Amerikaner viel zu wichtig, als dass sie sich hier zurückziehen könnten", meint ein Nato-Diplomat. In Brüssel rechnet man deshalb nicht damit, dass die USA auf absehbare Zeit "auch nur einen Mann" aus Europa abziehen werden. Schließlich sei die Nato bei ihrem Engagement auf dem Balkan militärisch von den USA abhängig. Die USA stellen die strategische Aufklärung. Ihre Luftwaffe bildet das Herz der Nato-Luftstreitkräfte. "Ohne die Amerikaner läuft hier nichts", wissen auch die Europäer im Brüsseler Hauptquartier. Man vertraut in Brüssel darauf, dass zwischen den Reden und Interviews im Wahlkampf, die für das heimische Publikum gemünzt sind, und der tatsächlichen Politik der neuen Bush-Administration deutliche Unterschiede bestehen. Jeder neuer Präsident müsse sich letztlich auf die außenpolitischen Notwendigkeiten einstellen. "Die Präsidenten kommen und gehen," meint ein Nato-Diplomat, "das Interesse der Amerikaner an Europa bleibt".

"Wir gratulieren dem Präsidenten Bush und freuen uns auf die Zusammenarbeit mit der neuen Administration in Washington", sagte Bundesaußenminister Joschka Fischer am Donnerstag im Brüsseler Nato-Hauptquartier. Mehr war ihm über den Stabwechsel in den USA nicht zu entlocken. Tatsächlich zweifelt im Hauptquartier der Atlantischen Allianz niemand daran, dass auch der neue US-Präsident George W. Bush großen Wert auf feste transantlantische Beziehungen legt.

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