Politik : „Der Nordirak ist eine andere Welt“

Foto: Mike Wolff
Foto: Mike Wolff

Herr Pflüger, Sie sind seit 2009 als Unternehmensberater auch im Nordirak aktiv. Fühlen Sie sich dort sicher?

Ja. Jeder, der auf der Irak-Reise von Verkehrsminister Ramsauer Anfang Februar dabei war, wird Ihnen bestätigen: Der Nordirak ist eine andere Welt als Bagdad. In Bagdad haben Sie wegen der Anschläge alle paar Meter Checkpoints. In Erbil, der Hauptstadt des kurdischen Teils, können Sie Ihren Laptop in Auto liegen lassen, und er kommt nicht weg. Sie können dort einfach so durch die Straßen gehen – wie in Berlin.

Wie schwer haben es deutsche und ausländische Unternehmen im Irak?

Die Sicherheitsvorkehrungen, die Sie in Bagdad oder Mosul brauchen, sind immens. Wenn da beispielsweise ein Vorstand auf seine Baustelle will, dann muss er sehr viel Geld für die teuren Sicherheitsfirmen zahlen. Für mittelständische Unternehmen ist das meist zu teuer. Die Projekte, die es gibt, laufen deshalb entweder über lokale Partner oder es sind Milliardenprojekte. Die Vergabe von Aufträgen ist außerdem extrem langwierig, das kann Jahre dauern. Staatswirtschaft, Bürokratie, Korruption – es ist noch sehr schwer.

Was ist im Norden anders als im Zentralirak?

Den letzten Terroranschlag im kurdischen Teil gab es im Jahr 2008. Die Kurden haben es geschafft, in ihrer Region für Sicherheit zu sorgen. Mit der Türkei und deren Premierminister Erdogan haben sie einen guten Hegemon, der die kurdischen Rohstoffe braucht. Außerdem bekämpft die kurdische Regierung die Korruption – die Unternehmensberatung Roland Berger berät die Regierung bei der Planung der Auftragsvergabe an Investoren. Im Dezember habe ich in Erbil an der Öl- und Gaskonferenz teilgenommen. Dort war das Who is Who der weltweiten Energiewirtschaft vertreten. Und völlig unwidersprochen sagte der kurdische Energieminister Aschti Hawrami: Erbil ist die Welthauptstadt der Öl- und Gasexploration.

Das teilautonome Irak-Kurdistan fördert im Alleingang Öl und Gas. Die Zentralregierung in Bagdad ist davon nicht gerade begeistert …

Herr Hawrami betont immer wieder, dass die Kurden die Erlöse des Öls – mehr als in ganz Libyen – nicht nur für sich wollen, sondern für den gesamten Irak. Das zentrale Argument der Regionalregierung ist: Wenn wir Bagdad das entscheiden lassen, dann passiert nichts. Die Bürokratie in Bagdad kostet Zeit, Kraft und Geld. In Erbil gibt es 24 Stunden am Tag Elektrizität, in Bagdad haben sie vielleicht sechs. Aber das ist auch eine Frage des Stolzes. Für die Araber im Zentralirak ist es schwierig zu akzeptieren, dass sie von den Kurden, die von Saddam Hussein brutal unterdrückt wurden, nun wirtschaftlich überholt werden.

Wie sieht die Zukunft deutscher Unternehmen im Zentralirak aus?

Im Moment ist es dort noch schwierig. Aber ich bin mir sicher, dass es bald besser wird. Wenn Schiiten und Sunniten sich verstehen würden, dann könnte alles sehr schnell anders werden. Sie haben dort großen Ressourcenreichtum und ein enormes Modernisierungspotenzial. Deswegen ist es klug und richtig, sich dort schon jetzt zu positionieren. Aber man braucht einen langen Atem.

Das Interview führte Max Muth.

Friedbert Pflüger war von 2005 bis 2006 Parlamentarischer Staatssekretär im Verteidigungsministerium. Von 2006 bis 2011 war er Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses und bis 2008 Vorsitzender der CDU-Fraktion. Heute ist der 57-Jährige Honorarprofessor am King’s College London und Geschäftsführender Gesellschafter einer Beratungsfirma. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt im Nordirak.

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