Politik : …der Notizblock zur Waffe wird

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Was den Alltag des amerikanischen Präsidenten angeht, sind wir mangels eigener Anschauung auf das Lesen von TomClancy-Romanen angewiesen: links ein Dutzend Secret-Service-Agenten, rechts eine Kompanie Marines, auf den Dächern Elite-Scharfschützen. Verletzt eine, sagen wir, Pferdebremse den Luftraum über Number One, wird sie aus achthundert Metern Entfernung mit Uranmunition säuberlich in zwei Hälften geschossen, während sich die Marines schützend über den Präsidenten und seine Familie werfen und der Stabschef die Abfangjäger aufsteigen lässt.

Die Realität aber ist kein Roman. Die Pferdebremse hat es gegeben, und sie ist völlig unbehelligt ins Oval Office geflogen, als Bush dort mit dem türkischen Premier Erdogan gerade den östlichen Mittelmeerraum neu ordnete. Kein Scharfschütze weit und breit! „Condi“, mag Bush zu seiner Mitstreiterin gesagt haben, „du bist Außenministerin, schaff dieses Viech hier raus!“ Condi: „IIIH! Womit denn?“ Bush: „Nimm deinen verdammten Notizblock und zieh ihr eins über den Schädel!“ Condi: „Das geht nicht, da steht das Gespräch mit Joschka drin.“ Bush: „Zieh ihm auch eins über den Schädel!“

So ging Condoleeza Rice nun, unterstützt von ihrem türkischen Amtskollegen Gül, auf die Jagd, und die angeblich riesige Stechfliege wurde alsbald erledigt. Zack! Krach! Patsch! Das Washington-Porträt wackelte, aus dem Sternenbanner erhob sich eine Staubwolke, aber schließlich siegten die beiden Minister. Und George Bush, typisch Oberbefehlshaber, griff sich den toten Feind und warf ihn verächtlich in den Papierkorb, erfreut über den minimalen Aufwand. Theoretisch hätten ja auch taktische Atomwaffen…

Solche an sich banalen Vorfälle sind durchaus geeignet, das Verhältnis zwischen mächtigen Staaten zu bestimmen. Schröder und Putin in der Sauna, nackt, wie der Herrgott sie schuf: Da wurde die deutsch-russische Freundschaft gewissermaßen vom Nullpunkt an neu definiert. Nun sind Bush und Erdogan aneinander geschweißt durch große Gefahr. Angela Merkel, zur Kanzlerin gereift, wird vorsichtig sein müssen, wenn sie der Türkei den Weg in die EU versperrt. „Condi“, wird der Präsident seiner Außenministerin zuknurren, „red mal mit dieser Merkel. Und vergiss den Notizblock nicht!“

Immerhin wäre es ein zivilisatorischer Fortschritt, wenn völkerrechtliche Konflikte künftig durch das symbolische Töten von Insekten beigelegt werden könnten. Es bleibt allerdings zu hoffen, dass die Pferdebremse aus dem Oval Office kein kleines chinesisches Aufklärungsflugzeug war. Sonst wird am Ende doch noch echt geschossen. bm

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