• Der öffentliche Dienst muss vorläufig auf Lohn verzichten, die Bevölkerung ist auf Lebensmittellieferungen angewiesen

Politik : Der öffentliche Dienst muss vorläufig auf Lohn verzichten, die Bevölkerung ist auf Lebensmittellieferungen angewiesen

Regina Villavicencio

Und immer noch brennen nachts Häuser der Serben - Albaner bauen eifrig an ihren neuen EigenheimenRegina Villavicencio

Die 65 Kilometer lange Fahrt von Pristina nach Prizren, zum Hauptsitz der deutschen KFOR-Einheit, dauert fast drei Stunden. Viel länger als erwartet. Grund dafür sind nicht nur schlechte Straßenverhältnisse. Immer wieder zwingen auch Staus die Fahrer zum Schritttempo. Eine albanische Tageszeitung nannte kürzlich den Grund für die inzwischen alltäglich gewordene Fahrt im Schneckentempo: Seit Kriegsende seien 100 000 Privatfahrzeuge neu in das Kosovo eingeführt worden. Oft seien es Gebrauchtwagen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Diese Autos haben noch keine Kennzeichen. Eine Zivilverwaltung muss noch aufgebaut werden. Viele Fahrzeuge kommen auf "dunklen Wegen" in das Land, vermuten Hilfsorganisationen.

"Neben den Minen ist der Straßenverkehr heute die größte Gefahr", meint der sächsische Polizeirat Siegbert Ulrich, der zu den 200 deutschen Polizisten zählt, die im Kosovo eingesetzt sind. Ulrich, der unter anderem an der Registrierung der Fahrzeuge arbeitet, nimmt gemeinsam mit einem Polizisten aus Malaysia Unfälle auf. Seine Erfahrung: "Wir Polizisten sind hier gut angesehen. Polizeiarbeit wird nicht mehr wie damals unter den Serben als Repression erlebt. Das ist für die Albaner neu."

Obgleich Polizist, verschafft sich Ulrich einen Überblick über die Situation im Krankenhaus von Prizren. Er will wissen, welche Möglichkeiten es für eine schnelle Unfallhilfe gibt: Das 680-Betten-Krankenhaus funktioniert nach dem Urteil des Krankenhausmanagers Aldo Graciani, der im Dienste der Johanniter-Unfallhilfe steht, besser als vor dem Krieg. Das erste Mal seit zehn Jahren wird wieder in das Krankenhaus investiert. Aber: "Es ist noch viel zu tun", sagt Graziani. So gibt es für Frühchen nur einen funktionierenden Inkubator, in dem nur ein Baby liegen sollte, zuweilen sind es aber fünf. Grazianis größter Erfolg ist, dass 300 Tonnen Öl gekauft werden konnten: Damit könne bis März geheizt werden. Zuletzt gab es im Dezember 1998 warme Zimmer.



Hin und wieder, sagt Graziani, tauche die UCK im Krankenhaus auf, sehe sich um, spreche mit den Ärzten. Im Krankenhaus, als öffentlicher Einrichtung, wolle sie Einfluss nehmen. Ähnlich ist es im einzigen wieder funktionierenden Kindergarten im ganzen Kosovo, der sich in Prizren befindet. Auch hier kommt regelmäßig die UCK vorbei, entführte sogar den Neffen der Kindergartenleiterin. Sie wollte durchsetzen, dass mit den Kindern nur Albanisch gesprochen wird.

Einheimisches Personal steht Manager Graziani im Krankenhaus mehr als nötig zur Verfügung, nur Albaner freilich, allerdings nicht immer ausreichend qualifiziert. Zu lange hatte die serbische Verwaltung albanischen Ärzten verboten zu arbeiten.

Grazianis Mitarbeiter haben seit Monaten keinen Lohn bekommen. Damit teilen sie das Schicksal aller Angestellten im öffentlichen Dienst, die von der UN-Interimsverwaltung (Unmik) bezahlt werden müssten. Sie erhalten Lebensmittel von internationalen Hilfsorganisationen.

Obwohl etwa 70 Prozent der Bevölkerung arbeitslos sind und die, die arbeiten, zum Teil nicht bezahlt werden, sind abends die Cafes im Zentrum Prizrens gut besucht. Da der Strom oft ausfällt, haben sich Restaurantbesitzer Generatoren besorgt. Die Geschäfte sind vollgestopft mit Waren. Die Obst- und Gemüseläden quellen über. Wer aber kann das alles kaufen, wenn doch kaum einer etwas verdient? Fast jede Familie hat einen Verwandten, der im Ausland arbeitet und Geld nach Hause schickt. Wer kein Geld hat, darf in einigen Geschäften anschreiben lassen.

Was sofort auffällt im deutschen Sektor: Überall wird eifrig gebaut. Hilfsorganisationen stellen Material zur Verfügung. Das muss binnen vier Wochen verbaut sein, ansonsten wird es wieder abgeholt. Nicht alle Familien in den Dörfern hatten bei Frostbeginn ein Dach über dem Kopf. Einige wohnen noch in Zelten, die sie aus den Flüchtlingslagern mitgebracht haben.

Nach wie vor brisant ist die Sicherheitslage der 120 von ehedem 6800 in Prizren wohnenden Serben, die sich in das Priesterseminar zurückgezogen haben und von deutschen KFOR-Soldaten bewacht werden. Albanisches Krankenhauspersonal wagt sich nicht zu ihnen, auch nicht, wenn dafür gut bezahlt wird. Die Menschen würden zwar helfen wollen, fürchteten aber die UCK-Rache, ist bei der Johanniter-Unfallhilfe zu hören.

In Prizren werden nachts noch immer Häuser angezündet, die vormals von Serben bewohnt waren. Erst kürzlich wurde ein bulgarischer UN-Mitarbeiter, der serbokroatisch sprach, auf offener Straße von Albanern erschossen. Der Dolmetscher der Johanniter-Unfallhilfe, ein Kosovo-Albaner, überlegt sich genau, wo er welche Sprache spricht: "Am liebsten spreche ich Deutsch. Dann habe ich keine Probleme."

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