Politik : Der olympische Geist

Von Armin Lehmann

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So schön kann das Leben sein, Fußball ist Leben. Schauen wir uns die Menschen an, nach dem großartigen Erfolg der griechischen Mannschaft, der vor Beginn der EM niemand etwas zugetraut hatte. Wir sehen freudig aufgerissene Augen, offene Münder, verzückte Gesten, Körper, die nicht aufhören können zu tanzen. Der Sieg der Griechen gegen Portugal ist sportlich betrachtet ein Wunder, vielleicht ein größeres als der Sieg der Deutschen bei der WM 1954 in Ungarn. Diese „Explosion der Gefühle“, wie es die Athener Bürgermeisterin Dora Bakoyannis ausdrückte, hat eine Chance, nun nachhaltig zu wirken. Freude und Spaß aus der Nacht zum Montag, der überwältigende Empfang des Teams am gestrigen Abend könnten den Erfolg in ein neues nationales Selbstbewusstsein verwandeln. Das ist wichtig für ein Land, das vor der EM ausgelacht wurde, weil Griechen angeblich zu undiszipliniert und chaotisch seien, um bis zum Beginn der Olympischen Spiele alle Bauvorhaben ordentlich abzuschließen.

Die Griechen sind in einer ähnlichen Situation wie die Portugiesen. Auch Portugal wurde belächelt, als es sich um die Austragung der Europameisterschaft bewarb. Das große Spanien hatte es abgelehnt, sich gemeinsam mit dem kleinen Nachbarn zu melden, da bemühte sich Lissabon alleine – und gewann alleine. Jetzt weiß Europa, dass das Land am südwestlichen Zipfel des Kontinents ganz hervorragend in der Lage ist, ein europäisches Großereignis von höchster medialer Bedeutung diszipliniert zu organisieren. Überall gibt es lobende Worte, in erster Linie deshalb, weil Portugals Menschen gezeigt haben, was Herzlichkeit ist, wie leidenschaftlich das Leben sein kann und wie traurigschön. Die Ersten, die mit den feiernden Griechen gesungen haben, sind die Verlierer gewesen. Und sie taten es deshalb, weil sie, selbst Underdog, es dem anderen viel größeren Außenseiter gegönnt haben. Die einen – geografisch gesehen – „Rand-Europäer“ haben die anderen in die Mitte Europas gelassen, das war aus Sicht der Griechen nicht immer so.

Exemplarisch für die zarte Neigung der Griechen zum Minderwertigkeitsgefühl ist die verlorene Bewerbung um die Olympischen Spiele 1996. Als Wiege der abendländischen Kultur sahen sich die Griechen, als Erfinder der antiken Spiele und als Wegbereiter des olympischen Geistes, und doch durften 100 Jahre nach den ersten Spielen 1896 in Athen ausgerechnet die in Griechenland wenig geliebten US-Amerikaner die Coca-Cola-Spiele in Atlanta austragen. Missverstanden, unverstanden, ja ungeliebt fühlten sich die Griechen da, und vielleicht auch ein wenig beleidigt, wenn sie darauf hingewiesen wurden, dass die Spiele der Neuzeit eher von einem Mann namens Pierre de Coubertin erfunden worden waren. Fortan gab es nur wenig in Politik und Gesellschaft, woran man sich hätte aufrichten wollen.

Die einzigen Nobelpreisträger, beide in Literatur, stammten aus den Jahren 1963 und 1979. Der Aufbruch Kerneuropas mit dem Beschluss der Währungsunion Anfang der 90er wurde eher skeptisch beäugt, ja ängstlich, weil niemand so recht daran glauben wollte, dass Griechenland tatsächlich am 1. Januar 2001 in der Euro-Zone angekommen sein würde. Im März hat der griechische Wähler die lange regierenden Sozialisten abgewählt. Das war ein Zeichen für den Willen, etwas Neues zu wagen. Vielleicht kommt nun mehr Mut hinzu. Das Wunder von Lissabon wird Griechenland enger zusammenführen, nicht nur beim Feiern. Das Land weiß jetzt, dass es Erfolg haben kann, dass Organisation und Individualität einander nicht ausschließen müssen. Eine gewisse Lässigkeit hatte der griechische Fußball bei dieser EM trotz aller Disziplin durchaus auch.

Und wir? Wir können froh darüber sein, dass ein deutscher Trainer nach diesem Märchen hüpft wie ein kleiner Junge, dass es Dinge gibt zwischen Himmel und Erde, zwischen Klischee und Wahrheit, die nicht logisch sind, uns aber überraschen. In Portugal hat Otto Rehhagel das geschafft. Deshalb muss er ja nicht gleich Bundestrainer werden.

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