Politik : Der Osten altert schneller

Auch andere statistische Daten belegen, dass die Angleichung der Lebensverhältnisse stagniert

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Berlin - Seit 1990 ist die Bevölkerung im Osten Deutschlands um rund 1,7 Millionen Menschen geschrumpft. Das ist ein Minus von immerhin 11,7 Prozent, während in den meisten westdeutschen Bundesländern die Bevölkerungszahl gestiegen ist. Beim Konsum hingegen haben sich Ost- und Westdeutschland angeglichen: Die Ausstattung der Haushalte mit Telefon, Fernseher, Handy oder MP-3-Player ist hier wie dort nahezu gleich, wenn auch das verfügbare Einkommen 2008 pro Kopf im Westen bei 20 000 Euro, im Osten nur bei 15 500 Euro lag.

Das sind Fakten, die das Statistische Bundesamt mit seinem Report zu 20 Jahren deutscher Einheit am Mittwoch in Berlin präsentierte. Ob die Vereinigung beider deutscher Staaten nach zwei Jahrzehnten als Erfolgsgeschichte oder als Dilemma empfunden wird, hängt in aller Regel von den ganz subjektiven Erfahrungen des Einzelnen ab. Und es ist ganz wesentlich von der Wertigkeit bestimmt, die man bestimmten Kennziffern zumisst. Dass die Arbeitslosigkeit im Osten noch immer nahezu doppelt so hoch ist wie im Westen und dass ein vollzeitbeschäftigter Arbeitnehmer im Durchschnitt nur drei Viertel des in Westdeutschland üblichen Lohnniveaus erreicht, wird eben nicht nur von den Betroffenen als Benachteiligung empfunden. Es führt vielmehr dazu, dass der Anteil der Hartz-IV-Empfänger in den neuen Bundesländern bei 17 Prozent und in den alten nur bei 8 Prozent liegt, dass das Armutsrisiko im Osten viel verbreiteter ist und dass die Abwanderung in den Westen immer noch hoch ist.

Betrachtet man diese strukturellen Unterschiede, liegt die Angleichung der Lebensverhältnisse zwischen Ost und West noch in weiter Ferne. Dabei ist durchaus alarmierend, dass sich bei bestimmten Kennziffern die Schere nicht mehr schließt. So haben sich zwar die Löhne und Gehälter von Vollzeitbeschäftigten in den Jahren bis 1997 im Osten deutlich nach oben entwickelt – gemessen am Westniveau von 47 Prozent im Jahr 1991 auf 73 Prozent im Jahr 1996. Seitdem stagnieren aber diese Einkünfte wieder.

Der anhaltende Rückgang der Geburtenzahlen betrifft zwar den Osten wie den Westen Deutschlands, ist aber in den Ost-Ländern viel stärker ausgeprägt. Während im früheren Bundesgebiet (ohne West-Berlin) die Geburtenzahlen von 1990 bis 2008 um rund 22 Prozent sanken, gingen sie in den neuen Ländern (ohne den Ostteil von Berlin) um 38 Prozent zurück. Einen Geburtenknick im Osten verursachten vor allem die tief greifenden Veränderungen in der ersten Hälfte der 90er Jahre, die bei den Menschen enorme Verunsicherungen mit sich brachten. Ein Tiefpunkt war 1994 erreicht. Seitdem stieg die Zahl der Geburten im Osten leicht an, seit dem Jahr 2000 stagniert sie wieder. Dass junge Frauen die stärkste Gruppe untern den Wegzüglern aus dem Osten waren, wirkte sich zusätzlich nachteilig auf die Geburtenzahlen aus.

Die durchschnittliche Lebenserwartung hat sich, zumindest bei Frauen, fast angeglichen. Bei Ost-Frauen stieg sie zwischen 1991 und 2008 von 77,2 auf 82,2 Jahre, im Westen liegt sie bei 82,5 Jahren. Bei Ost-Männern stieg sie von 69,9 auf 76,1 Jahre. West-Männer werden im Schnitt 77,4 Jahre alt. Und auch einen Ausblick geben die Statistiker: Stellen die ab 65-Jährigen heute rund 20 Prozent der Bevölkerung, wird 2060 jeder Dritte 65 Jahre und älter sein. Der Osten altert aber wegen der ungünstigeren demografischen Entwicklung deutlich schneller.

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