Politik : Der Osten verliert, Bayern gewinnt

Wie sich die Bevölkerung bis 2020 verteilen wird / Früher Nachfragerückgang bei Wohnungen

Albert Funk

Berlin - Die Deutschen sterben zwar nicht aus, jedenfalls nicht so schnell – aber ihre Zahl nimmt ab. Die Erfahrung, ein schrumpfendes Volk zu sein, wird freilich in den kommenden Jahren und Jahrzehnten nicht überall in Deutschland greifbar sein. Ganz im Gegenteil: Nach der neuen regierungsamtlichen Prognose für die Jahre bis 2020 wird es in einigen Regionen des Landes demnächst sogar noch etwas enger zugehen. Denn Deutschland, so sagen die Experten des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung (BBR) in ihrer Studie voraus, steht vor einer regional gespaltenen Entwicklungsdynamik, was die Bevölkerung betrifft. Erstmals hat das Amt seine Prognose auch auf die Kommunalebene ausgedehnt, somit entsteht ein recht genaues Bild, was auf welches Gebiet in den kommenden Jahren zukommen dürfte, wenn die Entwicklung verläuft wie bisher. Für Politik und Verwaltung heißt das, schon heute Planungen darauf auszurichten – beim Wohnungsbau, den Schulen, den sozialen Einrichtungen.

Die Karte zeigt es: Beginnend im Ruhrgebiet bildet sich eine Art Keil, der sich nach Osten immer mehr verbreitert – es sind die Gebiete, die mit einem zum Teil erheblichen Bevölkerungsverlust rechnen müssen. Vor allem weite Teile des Ostens werden Menschen verlieren. BBR-Experte Hansjörg Bucher weist allerdings darauf hin, dass es weniger Abwanderungsverluste sein werden, unter denen die neuen Länder leiden werden. Es ist vor allem der Sterbeüberschuss bei einer zahlenmäßig relativ kleinen nachwachsenden Generation, die die Zahl der Ostdeutschen schrumpfen lässt. „Abwanderungsraten im Osten sind nicht viel höher als im Westen, aber es gibt kaum Zuzug“, ergänzt Bucher. Dennoch wird es der Osten sein, der nach der BBR-Studie „die umfangreichsten Anpassungsleistungen“ vor sich hat. Auch Nordhessen, Südniedersachsen und Randgebiete Frankens müssen sich darauf einstellen, Bewohner zu verlieren. Es sind also vor allem jene Regionen, in die derzeit erhebliche Mittel für Infrastrukturinvestitionen fließen. Allerdings ist Ost nicht gleich Ost: Während vor allem Sachsen-Anhalt und Thüringen Verlierer sind, wächst das westliche Mecklenburg dank Zuzügen aus den Räumen Hamburg und Lübeck. Bucher sieht auch erste Zeichen für eine „Alterszuwanderung“ in Gebiete an der Ostsee und in die nordostdeutsche Seenlandschaft.

Dagegen werden vor allem der Süden Deutschlands – etwa das Umland Münchens –, die Regionen um Hamburg und Bremen sowie das Berliner Umland zu demografischen Wachstumsregionen werden. Und zwar nicht nur durch Zuzug, sondern auch durch die zunehmende Alterung der Gesellschaft.

Keine Entwarnung geben die BBR-Statistiker für den Arbeitsmarkt. „Eine demografische Entlastung ist hier in nächster Zeit nicht zu erwarten“, sagt Bucher. Anders gesagt: Die Wende zum Bevölkerungsrückgang geht nicht automatisch einher mit einer sinkenden Arbeitslosenzahl. Geprägt sein wir der Arbeitsmarkt künftig durch den wachsenden Anteil älterer Arbeitnehmer.

Zudem ist laut BBR in den Wachstumsregionen mit einer verstärkten „Internationalisierung“ zu rechnen. Zuwanderung werde vermehrt nicht nur in die Großstädte erfolgen, sondern auch in die benachbarten kleinstädtischen Regionen. Dies gilt für das Ruhrgebiet, den Raum Köln-Bonn und einen breiten Streifen von der Rhein-Main-Region um Frankfurt über Mannheim, Stuttgart, Ulm bis München. Der Osten bleibt bis auf Berlin davon fast vollständig ausgenommen. Überhaupt geht die Entwicklung dahin, dass die deutsche Hauptstadt mit ihrem Umland zwar demografisch wächst, aber räumlich von den dynamischen Wachstumsregionen Deutschlands abgeschnitten ist.

Erhebliche Auswirkungen sehen die Experten nicht zuletzt für den Immobilienmarkt. Sie gehen nämlich davon aus, dass der Nachfragerückgang bei Wohnungen sehr viel früher und deutlicher einsetzen werde als bislang prognostiziert. Bis 2020 werde der jährliche Neubaubedarf nur noch bei 226 000 Wohneinheiten liegen. Bislang hatten Fachleute 300 000 Einheiten pro Jahr angenommen. „Insbesondere die Nachfrage nach Wohnungen in Ein- und Zweifamilienhäusern wird nach 2010 abnehmen, da die Zahl der typischen Wohneigentumsbildner sich verringert“, heißt es in der Studie. In einigen „Schrumpfregionen“ ist mit einem großen Leerstandsrisiko zu rechnen.

Befürwortern einer aktiven Bevölkerungspolitik bietet die Studie des BBR wenig Rückhalt. „Die demografischen Veränderungsprozesse sind nicht mehr aufzuhalten“, lautet das Fazit. Daher müsse der Prozess gestaltet werden. „Aber Patentrezepte für diese Verbindung von Schrumpfung und Wachstum gibt es nicht“, sagt Bucher.

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