Der Papst in Deutschland : Benedikt XVI. enttäuscht viele Hoffnungen

Viele, die konkrete Ergebnisse wollten, hat der Papst in diesen Tagen enttäuscht. Aber je älter er wird, umso geringer schätzt er alles Lebenswirkliche. Ihm geht es nur noch um Grundsätzliches, um alles oder nichts – auch auf seiner Station in Freiburg.

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Der Papst hebt ab: Am Sonntag ging der Deutschlandbesuch des Pontifex zu Ende.Weitere Bilder anzeigen
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25.09.2011 15:50Der Papst hebt ab: Am Sonntag ging der Deutschlandbesuch des Pontifex zu Ende.

Der Papst geht ihm bis zur Brust. Winfried Kretschmann muss sich herunterbeugen, wenn er mit Benedikt XVI. spricht. Es ist Tag drei der Deutschlandreise, Samstagmittag, soeben ist der Papst mit dem Flugzeug von Erfurt in Freiburg gelandet. Winfried Kretschmann ist Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Grünen-Politiker und: Katholik. Er hat den Papst an der Gangway abgeholt, die Begrüßung war herzlich, der Papst hat lange seine Hände gehalten, und jetzt, während die beiden über den roten Teppich vom Flugzeug zum Flughafengebäude laufen, sieht es so aus, als hätten sie erst gestern zusammengesessen. Es ist auch tatsächlich nicht das erste Mal, dass sie sich begegnen. Kretschmann kennt Joseph Ratzinger schon lange, er hat viel von ihm gelesen, er hat ihn in Rom und in Castel Gandolfo getroffen, und er hat sich an ihm abgearbeitet. Als Ratzinger 2003 als Chef der Glaubenskongregation katholische Politiker aufforderte, sie mögen verhindern, dass homosexuelle Lebenspartnerschaften legalisiert werden, hat er ihm einen Brief nach Rom geschrieben. Er hat ihm erklärt, warum er sich im Gegenteil für die Rechte homosexueller Paare einsetzt – gerade als guter Christ, gerade als guter Katholik.

Kretschmann, aufgewachsen in einem liberalen, katholischen Elternhaus, in dem „frei gedacht und gestritten wurde“, gehört zum katholischen Mainstream in Deutschland. Er ist einer von vielen, die nicht in Jubel ausgebrochen sind, als Ratzinger Papst wurde. Die frei nach Martin Luther selbst denken, statt den Lehren des Papstes zu gehorchen, die diskutieren, Fragen stellen und ernst genommen werden wollen mit ihren Brüchen und Zweifeln. „Wir werden Gottseidank evangelischer“, hat Kretschmann neulich in einem Interview gesagt.

Evangelischer werden? Den Glauben hinterfragen? Das klingt für Benedikt XVI. nach Individualismus und Verflachung – und damit nach Graus und Gräuel. Er fürchtet, dass der Glaube immer weiter verdampft und die Menschheit bald am Abgrund steht, wenn man so etwas zulässt, wenn die individuelle Freiheit schrankenlos wird und sich nicht an etwas Höheres bindet. Die Sorge davor zieht sich durch alle seine Reden und Ansprachen, die er in den vergangenen Tagen gehalten hat. Er ist gekommen, um ihnen noch einmal, wahrscheinlich das letzte Mal, ins Gewissen zu reden, den ewig aufmüpfigen Deutschen. Die zu viel von Luther gelernt haben. In Rom sind sie seit alters her bekannt für ihren Eigensinn. Sie krönten selbstständig Kaiser und ernannten eigenmächtig Bischöfe. Und auch heute noch sind sie der Kurie verdächtig eng mit dem Staat verbandelt sind. Machten sie nicht mit Politikern gemeinsame Sache in der Schwangerenkonfliktberatung? Stehen sie wirklich fest in bioethischen Fragen?

Freiburg ist das Kernland der kritischen Katholiken. Lesen Sie mehr darüber auf der nächsten Seite.

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