Politik : Der Papst in Syrien: Aramäisch - die Sprache Jesu lebt

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Der junge Mann stockt. Er steckt in der sechsten Zeile des Vaterunser. George Barkila rückt bis auf die Kante des roten Sessels im Empfangszimmer der Oberin des Klosters der Heiligen Thekla vor. Natürlich kann er das Gebet auswendig. Auf Arabisch zumindest. Doch diesmal sagt er es auf Aramäisch auf - der Sprache, in der Jesus gepredigt hat. Und die in dem syrischen Bergdorf Maalula nördlich von Damaskus bis heute gesprochen wird. Schließlich kommt er doch beim Amen an. Die kleine Oberin des griechisch-orthodoxen Klosters, Pelagia Sayaf, klatscht begeistert in die Hände, der griechisch-katholische Dorfpriester Sami Daher, ein ehrwürdiger Mann mit langem weißem Bart, der gerade zu Besuch ist, ebenfalls. "Wir müssten Euch verbieten, etwas anderes als Aramäisch zu sprechen", ruft die Hausherrin, die selbst aus Damaskus stammt und Aramäisch zwar mittlerweile versteht, aber nicht selber spricht. Die Sprache, die Jesus und seine Zeitgenossen gesprochen haben, hat nur in dem an steilen Felswänden erbauten Maalula und zwei weiteren Dörfern in der Umgebung überlebt. Seit 1000 vor Christus in der gesamten Region bis zur heutigen Türkei gesprochen, wurde die Sprache in den Jahrhunderten nach Christus Geburt langsam durch Syriak und seit der Ausbreitung des Islam durch Arabisch abgelöst. Nur in dem christlichen Bergdorf, das seit dem ersten Jahrhundert nach Christus ein christlicher Wallfahrtsort ist, sprechen die Bewohner neben Arabisch auch noch Aramäisch. Dazu hat nach Ansicht von Vater Sami die betont christliche Atmosphäre in dem jahrhundertelang völlig abgeschiedenen Dorf beigetragen. Hier soll eine der ersten christlichen Märtyrerinnen, die heilige Thekla, im ersten Jahrhundert nach Christus vor ihren Verfolgern gerettet worden sein. In der Grotte oberhalb des modernen Klosters fand sie der Legende nach Unterschlupf. Das Wasser der Quelle in der Grotte ist geweiht und soll Krankheiten heilen. Vater Sami nimmt einen großen Schluck aus einem Metallbecher. Ein Abstecher in das Bergdorf stand ursprünglich auch auf dem Besuchsprogramm von Johannes Paul II. in Syrien, wurde später aber gestrichen. Der Priester des griechisch-katholischen Kirche, die vom Vatikan abhängt, gibt sich diplomatisch. Der Papst sei alt und könne nicht überall hinreisen.

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