Politik : Der Papst in Syrien: "Partner für das Wohl der Menschenfamilie"

Andrea Nüsse

Ob der Papst sich seinen Besuch in einer Moschee, den ersten in der Geschichte der katholischen Kirche überhaupt, so vorgestellt hatte? Zehn Minuten lang besichtigte Johannes Paul II. den Gebetsraum der Omayyaden-Moschee in Damaskus, geführt von einem kundigen Reiseführer, dann folgten eineinhalb Stunden hochpolitische Reden der islamischen Würdenträger und des syrischen Ministers für religiöse Angelegenheiten, in denen Israel an den Pranger gestellt wurde. Der Mufti von Syrien, Ahmad Kaftaro, sprach von dem "grausamen Feind", mit dem Syrien konfrontiert sei und verurteilte die Ungerechtigkeit, die in Palästina herrsche.

Der Papst ging in seiner Rede vor christlichen und islamischen Würdenträgern nicht auf den Nahost-Konflikt ein, sondern betonte seinen Willen, den Dialog mit dem Islam auszubauen. Er wünsche sich beide Religionen als "Partner", die für das "Wohl der Menschenfamilie" wirken. Islam und Christentum sollten nicht mehr als "gegensätzlich" dargestellt werden. Johannes Paul II. beglückwünschte die Syrer zu dem friedlichen Zusammenleben von Christen und Muslimen seit Jahrhunderten in ihrem Lande. Der Mufti von Syrien hatte zuvor den Respekt der Muslime für Jesus betont. Er verlangte, die Probleme der Vergangenheit zu vergessen und eine neue Seite im Verhältnis von Muslimen und Christen aufzuschlagen, eine "Seite des Pardons". Papst Johannes Paul II. hatte bei seinem Rundgang durch die Omayyaden-Moschee, die die viertheiligste Gebetsstätte der Muslime ist, auch den Schrein besucht, in dem das Haupt von Johannes dem Täufer liegen soll.

Hochpolitisch war es dagegen bereits am Sonnabend bei der Ankunft des Papstes in Damaskus zugegangen. Der syrische Präsident Bashar al-Assad, der Johannes Paul II. empfing, hatte eine direkte Verbindung hergestellt zwischen den Juden, die vor 2000 Jahren Christus kreuzigten, und der israelischen Politik gegenüber Palästinensern und den anderen arabischen Nachbarn. Israel versuche "alle Prinzipien des göttlichen Glaubens zu zerstören", so wie die Juden damals Jesus verraten und versucht hätten, Mohammed zu töten. Diese Worte Assads hat die israelische Regierung scharf kritisiert und als "anti-semitisch" bezeichnet. Der Sprecher des Vatikans, Joaquin Navarro-Valls, distanzierte sich laut KNA von diesen Äußerungen und erklärte, der Papst habe die Reden des syrischen Präsidenten zuvor nicht gekannt. Politisch hat Johannes Paul II. in seiner Ansprache allerdings ähnliche Forderungen erhoben wie Assad: Es sei Zeit, zu den "Prinzipien des internationalen Rechts" zurückkehren, forderte er. Dazu gehörten das "Verbot, sich Land gewaltsam anzueignen, das Recht der Völker auf Selbstbestimmung, der Respekt der UN-Resolutionen und der Genfer Konventionen". Ohne Israel zu nennen, übte der Papst damit Kritik an der israelischen Besatzungspolitik.

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