Politik : Der Papst ist am Bosporus willkommen – jetzt doch

Susanne Güsten

Istanbul - Ein kleines Wunder hat sich kurz vor Beginn des Türkeibesuchs von Papst Benedikt XVI. in einer Gasse in Istanbul zugetragen. Fast über Nacht sprossen Bäumchen aus dem Pflaster, um das enge Sträßchen in der Innenstadt zu säumen; die grauen Häuserfassaden erstrahlen plötzlich in frischen Farben, der Asphalt ist sauber gefegt. Wie die Heinzelmännchen erschienen städtische Arbeiter in der Papst-Roncalli-Gasse, um die Straße vor der vatikanischen Vertretung besuchsfein zu machen für den Papst. Nach wochenlangen Querelen versucht die Türkei, das Ruder herumzureißen und den Besuch zu einem Erfolg zu machen. Im allerletzten Moment ist den Türken klar geworden, dass es etwas noch Schlimmeres gibt als einen Papst-Besuch: einen verunglückten Papst-Besuch.

„Besuche wie dieser sind wichtige Schritte zu einer Allianz der Kulturen“, wirbt Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan jetzt für die Visite, der er bisher eher zurückhaltend entgegensah. Statt eilig zum Nato-Gipfel nach Riga abzureisen, will Erdogan den Papst jetzt schon bei dessen Ankunft am Dienstag in Ankara am Flughafen begrüßen. Den Gegnern der päpstlichen Visite fährt der Ministerpräsident unwirsch über den Mund: „Was soll denn dieses Geschrei, der Papst solle nicht kommen? Natürlich soll er kommen!“ Mit den Protesten wollten „marginale Gruppen“ ihre politischen Süppchen kochen, kritisiert Erdogan. „Wir werden dem Besucher alle erdenkliche Gastfreundschaft erweisen.“

Auch Erdogans Stellvertreter beeilten sich plötzlich, den Papst willkommen zu heißen. „Wir begreifen diesen Besuch als Chance“, versicherte Außenminister und Vizeministerpräsident Abdullah Gül. Leider versuchten manche Kreise, aus dem Papst-Besuch politisches Kapital zu schlagen, was die Regierung missbillige. Die Türkei sei in Wirklichkeit aber ein tolerantes Land. Als „nützlichen Beitrag“ zur Verständigung zwischen den Religionen begrüßte Vizeministerpräsident Abdüllatif Sener die päpstliche Visite. Und sogar Oppositionsführer Deniz Baykal pflichtete der Regierung in diesem Punkt bei: Die Augen der Welt seien in den nächsten Tagen auf die Türkei gerichtet, mahnte er. Bei aller Kritik am Papst sei es Zeit, bei den Protesten eine Pause einzulegen.

Wie die Politiker, so auch die Presse. Nach tagelangen Sensationsberichten über die angeblich bevorstehende christliche Missionierung des Nahen Ostens schwenkten zumindest die bürgerlichen Zeitungen jetzt auf den Kurs der Ruhe, Ordnung und Toleranz ein. Die Türkei riskiere eine „PR-Katastrophe“, wenn sie den Papst nicht gebührend empfange, warnte die liberale Tageszeitung „Milliyet“ am Montag: „Wir müssen unsere Gastfreundschaft unter Beweis stellen.“

Erleichterung macht sich auch darüber breit, dass die vollmundig angekündigte Kundgebung der Papst-Gegner am Wochenende zum Flop geriet. „Eine Million haben sie angekündigt, 20 000 sind gekommen“, spottete die Zeitung „Hürriyet“. Mit dieser Blamage haben sich die islamistischen und nationalistischen Gegner des Papst-Besuches erst einmal ins Abseits manövriert.

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