Politik : Der Paradesoldat

VOLKER BRAUN

An einem drückend warmen Sommerabend sahen wir in der bretonischen Stadt Rennes auf der Placa la Marie, auf der im Karree die Paradetruppen aller Waffengattungen in ihren bunten Uniformen waren und, vor einer Tribüne mit Ehrengästen, Beförderungen ausgesprochen wurden, einen Rekruten mitten in einem Trommelwirbel zusammenbrechen.Zwei Capitaines, die hinzutraten, befahlen lautlos, ihm das Bajonett abzunehmen und den Tornister, und führten ihn, auch des Oberkleids entledigt, aus dem Glied.Wir blickten für einen Moment in sein fahlweißes Gesicht; ihm war bei den monotonen Reden, den Kommandos, dem ganzen Zeremoniell, für das sie gedrillt worden waren, und/oder in der Wärme schlecht geworden.Die Kameraden nahmen kaum aus den Augenwinkeln Notiz, sie standen stramm, die rohen kantigen Bauerngesichter auf die Generäle gerichtet, was für Gesichter, den rohen entblödeten Gesichtern der deutschen Unfreiwilligen gleich bei ihren Einsätzen.Es war, fiel uns ein, der Vorabend des 14.Juli: des Nationalfeiertags der Grande Nation, an dem er versagte und abgeführt wurde an der Menge vorbei, während die Zeremonie mit Getöse weiterging.Sein Verhalten schien uns auf einmal beispielhaft; als ertrüge er nicht den Stumpfsinn und den Gehorsam, als widersetzte sich seine Natur dem Reglement.Niemand klatschte, niemand gab ein Zeichen des Beifalls, aber daß ihm schwarz vor Augen wurde, zeichnete ihn in unseren Augen aus.War sein Mißgeschick nicht geradezu mustergültig? War er nicht ein Deserteur: nur daß er rechtzeitig, vor der Einberufung ins Feld, die Kurve kratzte? Man hört von den Debatten über das sogenannte Stehende Heer: er fiel um, und nicht erst im Kugelhagel, beim Giftgasangriff, im verstrahlten Gelände.Er hielt nicht durch von Anfang an.Es fehlt ihm offenbar jene Eigenschaft des berühmten Statuenmenschen, das verschütteten Soldaten von La Ciotat, völlig unbeweglich, in unerschütterlicher Ruhe zu verharren (wie es jetzt auf Jahrmärkten vorgeführt wird.In St.Malo trafen wir auf einen weißbestäubten Mann, ein Bäcker scheinbar angesichts der Mehlpreise: reglos am Stadttor, und nur der Griff nach den ihm hingeworfenen Centimes hätte ihn aus seiner Starre erweckt).Dieser hier schien ein Kamerad einer anderen Armee, von Kampfunfähigen, von Friedfertigen, von Ohnmächtigen; von Männern ohne Materialwert.Auf diesen, dachten wir, kam es an, und nicht in den kommenden Kriegen.Jetzt, da die Kommandos gegeben werden und wir die Regeln lernen und unsere Pflicht erfüllen.Unbewußt (weil ihm übel war) gab er eine andere Weisung, uns habachtlosen Leuten, die doch antreten morgens, Augen geradeaus.In unseren willfährigen Berufen, mörderischen Jobs, bei denen wir nicht die Nerven verlieren.Die wir eine ungerechte Welt bewohnen, ohne zu erbleichen.Die wir die Schreckensbilder der Kontinente sehen, ohne das Abendbrot zu erbrechen.Die wir am Straßenrand das rostige Lob der Macht ertragen.Er war für uns der Held, oder doch ein Geheilter, der mit gesenktem Kopf den Platz verließ.Die Menge wich einen Schritt zurück, als wenn sein Zustand ansteckend wäre, und die Soldaten, Haufe für Haufe abmarschierend hinter ihren Schleifern, sahen danach wie Geschlagene aus, Versprengte, nur mit uns Verlorenen verbündet.

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