Der Politische Aschermittwoch : Bayern wie es singt und lacht

Die Bayern haben ihn erfunden. Schon vor Jahrhunderten. Wo damals über Preise von Vieh und den Sinn bayerisch-königlicher Politik diskutiert wurde, trafen sich am Mittwoch Politikprominenz und Basis. Lesen Sie hier, was im Süden der Republik passierte.

von
Kann alles alleine, braucht niemanden - der Bayer. Sagt CSU-Chef Horst Seehofer in Passau.
Kann alles alleine, braucht niemanden - der Bayer. Sagt CSU-Chef Horst Seehofer in Passau.Foto: dpa

15:15 Uhr: Der Chef der Grünen-Bundestagsfraktion, Anton Hofreiter, holte zur Generalkritik an Kanzlerin Merkel und CSU-Chef Horst Seehofer aus. Er forderte, Atom- und Kohlekraftwerke müssten vom Netz. Derzeit entstehe radioaktiver Müll für eine Million Jahre - so lange liege die Entstehung des Menschen zurück. Nirgendwo auf der Welt gebe es ein brauchbares Endlager. "Was ist das für eine unglaubliche Anmaßung."

15:00 Uhr: Der Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag, Gregor Gysi, forderte vor gut 400 Anhängern auf einem Schiff in Passau eine bundesweite Vereinheitlichung des Bildungssystems. "16 verschiedene Bildungssysteme in 16 Bundesländern - das gehört ins 19. Jahrhundert, in die Zeit der Postkutschen", sagte er.

14:45 Uhr: Das wird heute ein etwas kürzerer Politischer Aschermittwoch als in den Vorjahren: Denn Bundeskanzlerin Angela Merkel hat ihren Auftritt zum Politischen Aschermittwoch am Abend im vorpommerschen Demmin kurzfristig abgesagt. Wegen der Vorbereitungen des EU-Sondergipfels zum Konflikt zwischen Russland und der Ukraine müsse die CDU-Vorsitzende diese Veranstaltung des CDU-Landesverbandes in Mecklenburg-Vorpommern absagen, teilte die Parteizentrale am Mittwoch in Berlin mit.

13:25 Uhr: Schon den ganzen Vormittag über löste ein verunglückter Dialektversuch der SPD im Netz Hohn und Spott aus. Die Online-Redaktion des SPD-Parteivorstands wollte mit einem flotten Spruch auf den Beginn der sozialdemokratischen Kundgebung in Vilshofen hinweisen. So war kurz nach 10 Uhr zu lesen: "Mia òfangn mid zünftiga Blasmusi. Wa schunkelt mid?" Das sollte auf gut Deutsch wohl heißen: „Wir fangen an mit zünftiger Blasmusik. Wer schunkelt mit?“ Doch die Schreibweise des bayerischen Dialekts war einigermaßen falsch. Die Antwort im Netz folgte prompt: "Bayern seid Ihr keine", twitterte ein User und attestierte den Genossen einen dilettantischen Umgang mit dem Bairischen. Ein anderer Nutzer meinte: "Das hat aber nicht wirklich ein Bayer geschrieben" - und lieferte gleich die richtige Schreibweise mit: "Mia fanga o mid a zünftign Blosmusi. Wer schunkelt mid?“ CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer spottete in Passau: "Die bayerische SPD kann nicht einmal Bairisch."

13:20 Uhr: Schauen wir noch kurz auf die anderen Veranstaltungen: Der Chef der eurokritischen AfD, Bernd Lucke, warb mit scharfen Angriffen gegen die Bundesregierung um Stimmen bei der Europawahl Ende Mai. Die Euro-Rettungspolitik sei ein "totaler Fehlschlag" gewesen, sagte Lucke beim ersten politischen Aschermittwoch der AfD im niederbayerischen Osterhofen. Es werde das Gerücht verbreitet, die Euro-Krise klinge ab. Es sei aber "nichts besser geworden. Lucke forderte, sich in Europa auch für "nationale Interessen" einzusetzen. In Bayern gebe es dafür "drei treffende Worte: Mia san mia", sagte der AfD-Spitzenkandidat für die Europawahl vor rund 800 Zuhörern. Seine Partei wolle keine "Vereinigten Staaten von Europa", sondern einen "Bundesstaat selbstständiger souveräner Nationen". Die Deutschen sollten die Deutschen bleiben, und die Bayern die Bayern. Dafür stehe die AfD.

Wir wissen es besser: AfD-Chef Bern Lucke.
Wir wissen es besser: AfD-Chef Bern Lucke.Foto: dpa

12.35 Uhr: So jetzt aber zurück zum Stammtisch. Was Gauweiler und Seehofer nicht gemacht haben, holt CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer nach. Volle Attacke auf den politischen Gegner. Es folgt der Abgesang: Bayern- und Deutschlandlied.

12:30 Uhr: Die SPD in Vilshofen ist fertig. Martin Schulz hat sich in seiner Rede gegen eine Einmischung der Europäischen Union in immer mehr Alltagsbelange und eine europäische Überregulierung ausgesprochen. "Europa muss nicht jedes und alles machen", sagte er. Man müsse in Brüssel aufhören, darüber nachzudenken, ob es Ecken gebe, in die man sich noch nicht eingemischt habe, sagte der Spitzenkandidat für die Europawahl mit Blick auf die EU-Kommission. "Wir brauchen keine Verordnung über Olivenölkännchen in Restaurants." Die EU müsse vielmehr sozialer, demokratischer und gerechter werden, sagte Schulz.

12:20 Uhr: Horst Seehofer sollte zum Ende seiner Rede kommen. Seine Stimme ist da schon. Karnevalistische Nachwirkungen?

12:13 Uhr: Jetzt aber mal bayerisches Selbstbewusstsein pur: Sechs von acht Goldmedaillen bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi seien von bayerischen Sportlern gewonnen worden, sagt Seehofer. Und der FC Bayern München? "Der regiert die ganze Welt." Und was für den Sport gilt, gilt natürlich auch für die Politik. "Die anderen brauchen uns, wir brauchen die anderen nicht."

12:05 Uhr: Die SPD hatte heute schon Probleme mit ihrem Livestream aus Vilshofen. Auch mit dem Mikrofon im Festzelt scheint etwas nicht in Ordnung. Martin Schulz schreit zumindest sehr häufig in den Raum als gäbe es gar keins. Horst Seehofer dagegen ist noch unter Betriebstemperatur. Aber er ist ja auch erst noch lange nicht am Ende seiner Rede.

11:45 Uhr: Erstmals gibt es wirklich lang anhaltenden Applaus in der Dreiländerhalle bei der CSU. Seehofer dankt dem in der Edathy-Affäre zurückgetretenen Bundeslandwirtschaftsminister Hans-Peter Friedrich: "Wir stehen an deiner Seite."

Voller Elan: CSU-Politiker Peter Gauweiler.
Voller Elan: CSU-Politiker Peter Gauweiler.Foto: dpa

11:39 Uhr: Gauweiler ist am Ende seiner Rede: viel Europa, viel Skepsis an der EU-Rettungspolitik. EU-Kommission und Europäische Zentralbank nannte er eine "Flaschenmannschaft, die ganz Europa durcheinanderbringt". Das trifft den Nerv der Partei, seine Zuhörer jubeln. Parteichef Horst Seehofer wird die nächste Rede halten. Der Kommentator des Senders Phoenix sagt derweil: "Nicht alles, was hier gesagt wird, muss für bare Münze genommen werden." Na denn . . .

11:20 Uhr: Mit der Alternative für Deutschland (AFD), die ihren Aschermittwoch in Osterhofen begeht, gibt es wenigstens einen Gegner, auf den alle Parteien gleichermaßen einprügeln könnten. Kommt bestimmt noch. So geht die AfD in Vorlage: "Die CDU/CSU verrät ihre Grundsätze und arbeitet gegen die Interessen der Bevölkerung", sagte der bayerische AfD-Spitzenkandidat für die Europawahl, Dirk Driesang, im niederbayerischen Osterhofen.

Was ist wirklich wichtig beim Politischen Aschermittwoch? Genau - die Reden.
Was ist wirklich wichtig beim Politischen Aschermittwoch? Genau - die Reden.Foto: dpa

11:15 Uhr: Gauweiler fordert trotz der Krim-Krise einen partnerschaftlichen Umgang mit Russland. Schon der frühere CSU-Vorsitzende Franz Josef Strauß habe gesagt, wenn Deutschland und Russland gute Beziehungen hatten, sei das immer gut für Europa gewesen, sagte er. "Wir sind für die Partnerschaft. Wir sind für die Partnerschaft mit Kiew, aber Moskau gehört genauso zu Europa dazu. Wir sind für die Zusammenarbeit mit Russland." Gauweiler erinnerte an den Flug des damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Strauß nach Moskau zu einem Treffen mit dem sowjetischen Regierungschef Michail Gorbatschow im Dezember 1987. Im Anschluss habe Strauß gesagt, die Welt werde immer kleiner und sollte eine Schicksalseinheit werden. Der Klugheit von Strauß solle sich die Politik in der aktuell "dramatischen Situation“ erinnern, forderte Gauweiler.

11:10 Uhr: Natürlich spielt die Kriegsgefahr in der Ukraine eine entscheidende Rolle in den Reden. EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (SPD) sieht weiter eine Chance für die internationale Diplomatie - auch wenn die Gefahr eines Krieges weiterhin nicht gebannt sei. Er hoffe, dass es der OSZE gelinge, alle Parteien an einen Tisch zu bekommen, sagte Schulz vor seiner Rede in Vilshofen. "Wenn sich bewaffnete Mächte gegenüberstehen, und das ist ja der Fall, dann gilt der alte Grundsatz: Leute, die miteinander reden, schießen nicht aufeinander." Das zu erreichen, sei das Gebot der Stunde. Er sprach von einer "immer noch nicht ganz ausgeräumten Gefahr einer militärischen Konfrontation nicht weit von uns weg". Zudem sagte Schulz: "Ich hoffe auch, dass die Russische Föderation begreift, dass die territoriale Integrität von Ländern ein Bestandteil des Völkerrechts ist."

Gemeinsam sind wir durstig. Die SPD in Vilshofen.
Gemeinsam sind wir durstig. Die SPD in Vilshofen.Foto: dpa

11:00 Uhr: Peter Gauweiler schickt sich an, die Dreiländerhalle in Passau zum Kochen zu bringen. Das gelingt im ganz gut. Eine Erinnerung an die Ergebnisse der Landtagswahl (absolute Mehrheit) und der Bundestagswahl (49 Prozent) inklusive Dank an den dafür Verantwortlichen (Horst Seehofer) reicht schon aus.

10:55 Uhr: Eine Sache ist dann doch schon auffällig an diesem Morgen: CSU-Politiker in Passau und SPD-Politiker in Vilshofen betonen die Bedeutung der Kommunalpolitik fürs große Ganze. Da sind die politischen Unterschiede zum politischen Gegner im Ziel minimal. Aber betont werden sie umso deutlicher.

10:35 Uhr: Manfred Weber redet in Passau immer noch. Er kommt jetzt sogar mit Inhalten: Europa müsse die Konzerne Apple, Google, Facebook und andere endlich zwingen mehr als drei Prozent Steuern auf ihre Milliardengewinne zu zahlen. Das ist interessant, die Stimmung leidet aber deutlich.

10:33 Uhr: Die Sozialdemokraten in Vilshofen sind ganz glücklich. Rund 3000 Parteianhänger sind gekommen. Der Laden ist voll. Die Szenerie ist ähnlich zu der in Passau: Blasmusik, Einmarsch der Gladiatoren, Fahnen, Bier, Gejohle.

10:25 Uhr: Naturgemäß wird in Bayern viel Bier getrunken. Der traditionelle Fisch, der am Aschermittwoch gegessen wird, muss natürlich schwimmen. Die Nachrichtenagenturen schicken die ersten Bilder von Anton Hofreiter und Claudia Roth (beide Grüne) und Gregor Gysi (Linke) mit dem ersten (?) Bier. Einziger Unterschied zu den Bildern aus Passau, wo die CSU tagt: Die Gläser sind mit 0,5 Liter Inhalt nur halb so groß.

10:17 Uhr: Der Europaabgeordnete Manfred Weber eröffnet den Reden-Segen und erinnert an die Veranstaltungen der anderen Parteien in 2013: Philipp Rösler von der FDP, Jürgen Trittin von den Grünen, Christian Ude von der SPD. "Was haben die alle die Backen aufgeblasen", sagt Weber. Alles vorbei - "und das ist gut so". Der Saal tobt, erster Stimmungstest gelungen.

Prost! Claudia Roth und Anton Hofreiter von den Grünen stimmen sich ein.
Prost! Claudia Roth und Anton Hofreiter von den Grünen stimmen sich ein.Foto: dpa

10:06 Uhr: In der Dreiländerhalle in Passau wird's dunkel. Eine Parteiwerbefilm, dann Defiliermarsch und Einzug der Großkopferten - wie die Landsleute so schön sagen. . .

10:00 Uhr: Bei der CSU in Passau freuen sich die Parteianhänger auch auf Partei-Urgestein Peter Gauweiler. Vor 20 Jahren forderte der damalige CSU-Chef Edmund Stoiber Gauweiler bei der Kundgebung wegen vermuteter Spezlwirtschaft zum Rückzug vom Amt des bayerischen Umweltministers auf. Nun darf Gauweiler reden - und der heutige CSU-Ehrenvorsitzende Stoiber im Publikum klatschen.

9:40 Uhr: Die Veranstaltungen dürften von den Kommunalwahlen in Bayern Mitte März und der Europawahl Ende Mai geprägt werden. Zudem stehen in diesem Jahr noch Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg an. Das Problem für die CSU-Redner: Einer ihrer Lieblingsfeinde - die SPD - sitzt in Berlin mit in der großen Koalition. Das dürfte die Attacken womöglich etwas milder ausfallen lassen. Muss aber nicht: Die Affäre um den SPD-Politiker Sebastian Edathy, in deren Folge CSU-Politiker Hans-Peter Friedrich sein Amt als Bundeslandwirtschaftsminister aufgeben musste, hat die Parteiseele schwer verletzt.

Seehofer wunderbar: ein Parteigänger der CSU in Passau.
Seehofer wunderbar: ein Parteigänger der CSU in Passau.Foto: dpa

9:35 Uhr: Die Hauptschauplätze: Passau und das 20 Kilometer donauaufwärts gelegene Vilshofen, wo CSU und SPD jeweils tausende Anhänger versammeln. Mit Spannung wird erwartet, ob die CSU ehrliche Zuschauerzahlen meldet. In den vergangenen Jahren sprach die Partei regelmäßig von 6000 und mehr Zuhörern in Passau. Die Dreiländerhalle ist aber nur für maximal 4000 Besucher zugelassen, die Ordner dürften allein aus Sicherheitsgründen keine 6000 hineinlassen. CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer formuliert diplomatisch: "In der Dreiländerhalle sind für die CSU gefühlt immer 10.000 Leute."

9:30 Uhr: Knapp drei Monate nach Bildung der großen Koalition in Berlin kommen die Parteien zum traditionellen politischen Aschermittwoch zusammen. Im Mittelpunkt steht dabei die CSU-Veranstaltung in Passau mit Parteichef Horst Seehofer als Hauptredner. Bei der SPD in Vilshofen wird der Spitzenkandidat für die Europawahl, Martin Schulz, auftreten. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verzichtet aus Rücksicht auf die CSU wie immer auf eine eigene Kundgebung am Vormittag und wird am Abend in Demmin in Mecklenburg-Vorpommern erwartet. (mit dpa/AFP/rtr)

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar