Politik : Der Präsident ist "bedrückt und beunruhigt"

ROBERT RIMSCHA

WASHINGTON .Früh um halb sechs, zwei Stunden nach den fast gleichzeitigen Attacken auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania, griff US-Sicherheitsberater Sandy Berger zum Telefon.Er weckte Präsident Bill Clinton und unterrichtete ihn über den schwersten gegen Amerika gerichteten Terroranschlag seit Jahren."Sehr bedrückt und sehr beunruhigt" sei der Präsident, hieß es danach.

Amerika war damit beschäftigt, sich einen Reim auf die Anschläge zu machen.Wer könnte dahinterstecken? "Keine Ahnung", hieß es aus dem Außenministerium.Tansania und Kenia waren noch nie Schauplätze internationalen Terrors."Keine spezifischen Informationen" über mögliche Drohungen hätten die Geheimdienste gehabt, hieß es.Im Frühjahr allerdings hatten islamisch-fundamentalistische Gruppierungen aus dem Nahen Osten mit Anschlägen auf US-Einrichtungen gedroht, und der CIA machte sich umgehend daran, zu überprüfen, ob es eine Verbindung zu den Botschafts-Bomben geben könnte.Der ehemalige Leiter der Terrorismus-Abwehr im US-Außenministerium, Larry Johnson erklärte, der sudanesische Geistliche Ossama Ben Sadin habe kürzlich zwei Fatwas veröffentlicht, in denen zu Angriffen auf amerikanische Einrichtungen aufgerufen wurde.

Der scheidende amerikanische UNO-Botschafter Bill Richardson, der vor wenigen Monaten beide US-Missionen in Ostafrika besucht hatte, zeigte sich überzeugt, daß Amerikas Botschaften grundsätzlich sicher seien.Dennoch versetzte das State Department alle Vertretungen in erhöhte Alarmbereitschaft - vorbeugend, wie es hieß.

Von der US-Basis Ramstein nahe Frankfurt am Main aus wurden je ein Flugzeug nach Nairobi und Daressalam geschickt.FBI-Experten, Forensiker, Ingenieure, Ärzte und Militär sollen die Anschläge untersuchen.Für Autobomben waren bislang meist irische und fundamentalistisch-islamische Terroristen verantwortlich.Ob es diesmal alte Bekannte waren, die sich eine neue Bühne aussuchten, oder ob eine neue Gruppierung hinter den Anschlägen steht, das wußte in den ersten Stunden nach den Explosionen niemand.Das US-Außenministerium übernahm die Koordinierung der Aufklärung.Außenministerin Madeleine Albright wollte noch am Freitag von Rom aus in die USA heimkehren.Den Verwundeten, darunter offenbar auch der US-Botschafter in Kenia, wurde von der britischen Botschaft Schutz angeboten.

Der Bürgerrechtler Jesse Jackson, der US-Sonderbotschafter für Afrika ist, warnte davor, allzu schnell islamistische Attentäter am Werk zu sehen."Erinnern Sie sich an Oklahoma", verlangte Jackson.Beim Anschlag auf das dortige Bundesverwaltungsgebäude, der 168 Menschenleben gefordert hatte, waren zunächst arabische Terroristen als Urheber vermutet worden.Dann stellte sich heraus, daß der Horror hausgemacht war: der weiße Rechtsterrorist Timothy McVeigh hatte die Bombe gelegt."Tansania und Kenia wurden als bequeme Bühnen benutzt", meinte Jackson.Zu beiden Staaten unterhalten die USA gute Beziehungen.Nur im Verhältnis zu Kenia kommt es zuweilen zu Spannungen, weil Kenias Staatschef Daniel arap Moi die Demokratisierung nicht so zuläßt, wie Amerika und andere westliche Partner dies gern sähen.So schien eines unmittelbar nach den Anschlägen klar: Auch ohne gesicherte Erkenntnisse über die Urheberschaft scheint es unwahrscheinlich, daß schwarzafrikanische Terroristen die USA treffen wollten.Den Hinweis, daß Kenia ein Nachbar des erklärten "Terrorstaates" Sudan ist, konnten sich dagegen die meisten US-Beobachter nicht verkneifen.

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