Politik : "Der Preis der Freiheit": Nach dem Zusammenprall

Heinrich August Winkler

Dies ist kein Jubelbuch. Klaus Schroeder, Politologe und Leiter des SED-Forschungsverbundes an der Freien Universität Berlin, legt eine nüchterne Bilanz des deutschen Vereinigungsprozesses vor, der in vieler Hinsicht noch andauert. Bevor sich der Autor den Schwierigkeiten beim Wiederzusammenwachsen nach vier Jahrzehnten staatlicher Trennung zuwendet, geht er dem Ausmaß der wechselseitigen Entfremdung zwischen Ost- und Westdeutschen nach. Was 1990 aufeinanderprallte, waren "zwei fundamental verschiedene deutsche Teilgesellschaften": Schroeder belegt dieses Verdikt nicht nur sozial-, sondern auch mentalitätsgeschichtlich. Er spricht von den "Nachwirkungen totalitärer und liberaler Sozialisation" und liefert damit eine Teilerklärung des Ost-West-Gefälles von Fremdenfeindlichkeit und jugendlichem Rechtsradikalismus: Mit dem Zusammenbruch der DDR und der Vereinigung sei ein Vakuum an gesellschaftlich verbindlichen Normen und Verhaltensweisen entstanden, "das sehr schnell mit Intoleranz, Gewaltbereitschaft etc. aufgefüllt wurde".

Das Gefühl der Ausbeutung

Schröder ist nicht der Erste, der das unter Ostdeutschen verbreitete Gefühl, "Bürger zweiter Klasse" zu sein, auf "anscheinend tiefsitzende Minderwertigkeitskomplexe vieler ehemaliger DDR-Bürger" zurückführt. Die materiellen Gründe dieser Selbsteinschätzung mögen rückläufig sein: Tatsächlich hat sich in den neuen Ländern innerhalb kürzester Zeit eine "Wohlstandsexplosion" vollzogen, wie es sie in keiner anderen postkommunistischen Gesellschaft gibt. Psychologisch aber wird die objektive "Entkolonialisierung" der Ex-DDR vielfach als ihr Gegenteil empfunden: als neuerliche "Überfremdung" und Ausbeutung - diesmal nicht aus dem Osten, sondern durch den Westen.

Das Fazit ist folglich zwiespältig. Einerseits verfügt der größte Teil der Bevölkerung in Ost und West inzwischen über annähernd gleiche materielle Ressourcen. Andererseits sind sich die Deutschen in den alten und den neuen Ländern immer noch weitgehend fremd geblieben. "Es fehlt an der Akzeptanz unterschiedlicher Lebensläufe und Einstellungen: In ihrem Selbstverständnis, ihrer sozialen Struktur und den Mentalitäten von großen Teilen der Bevölkerung unterscheiden sich die beiden Teilgesellschaften nach wie vor deutlich."

Auf der letzten Seite des letzten Kapitels empfiehlt Schroeder den Bundestagsabgeordneten, den deutschen "Feier- und Gedenktag" vom 3. Oktober, dem Tag der Wiedervereinigung, auf den 9. November, den Tag der Maueröffnung, zu verlegen, um so "den Deutschen in Ost und West eine gemeinsame Identifikationsmöglichkeit zu bieten". Im Hinblick auf einen anderen 9. November, den der Pogromnacht von 1938, ist das kein glücklicher Vorschlag. Die symbolische Überfrachtung dieses Tages würde die Feiernden überfordern. Und da wir schon bei der gemeinsamen Geschichte der Deutschen vor der Teilung sind: Wenn Schröder von einem "Weltbürgerkrieg" spricht, der mit der russischen Oktoberrevolution von 1917 eingesetzt habe, läuft er Gefahr, die revolutionäre Rhetorik mit der politischen Wirlichkeit zu verwechseln. Nicht der Bürgerkrieg, sondern die Angst vor ihm bietet einen Schlüssel zum Verständnis der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Die stärksten Teile der Studie sind jene, die, gestützt auf ökonomische Daten und demoskopische Erhebungen, den Wandel der gesellschaftlichen Verhältnisse und des politischen Bewußtseins im wiedervereinigten Deutschland behandeln. Es gibt kein anderes Buch zum Thema "deutsche Einheit", das auf gedrängten Raum das einschlägige Material so systematisch auswertet und in so klaren Aussagen zusammenfasst, wie dieses. Zehn Jahre nach der Wiedervereinigung war es Zeit für eine solche Bilanz.

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