Politik : Der rätselhafte Wähler

Die Demoskopen lagen mit ihren Voraussagen gründlich daneben – aber warum, weiß keiner genau

Armin Lehmann

Berlin - Als sich die Mitarbeiter der verschiedenen Institute für Wahlforschung am Montag noch die Haare rauften und in Analysesitzungen verschwanden, sprachen ihre Chefs in Berlin „vom absoluten Novum“, von „der zittrigen Hand des Wählers“ und von der stark „abnehmenden Bindung der Wähler an eine Partei“. Kein einziger Demoskop, nicht von Forsa, Emnid, der Forschungsgruppe Wahlen, Infratest dimap oder Allensbach hatte die Union vor der Wahl öffentlich unter 40 Prozent gesehen – und doch ist es so gekommen. „Nicht vorhersehbar“, lautete nun das allgemeine Urteil der Profis. Und das war unbefriedigend.

Fernab der Hauptstadt war den Mitarbeitern vom Institut Allensbach auch der romantische Blick auf den Bodensee kein Trost. Man war ratlos, denn ein Unterschied von fünf bis sieben Prozent für die Union innerhalb weniger Tage ist für Wahlforscher ein „gigantischer Umschwung“, wie ein „Allensbacher“ sagt. Da half es wenig, dass es laut Infratest dimap und Forschungsgruppe Wahlen eine Art „Last-Minute-Swing“ gab, weg von der Union hin zur FDP. „Aus Angst vor der großen Koalition.“ Es blieb eine Vorhersage-Schlappe und sie wirft die Frage auf, ob die Methoden der Demoskopen noch greifen. Thomas Petersen vom Allensbach-Institut sagt: „Entweder wir haben methodisch etwas völlig falsch gemacht oder die Bevölkerung ist wirklich so wankelmütig geworden.“

Erstaunlich ist, dass das Prinzip der Stichprobe am Wahltag selbst gut funktioniert hat. Deshalb gehen die meisten Wahlforscher davon aus, dass „die Zahlen stimmten“ – die Zahlen vor der Wahl und die völlig anderen Zahlen nachher! Die so genannten Exit Polls, also die Befragungen der Wähler direkt nach Stimmabgabe, hatten die Union früh bei weit unter 40 Prozent gesehen. „Die unmittelbare Befragung nach der Wahl ist viel präziser“, sagt Klaus Stumpf vom Offenbacher Marktforschungsinstitut. Und sie sei eine echte Momentaufnahme. Im Vorfeld einer Wahl würden immer weniger Menschen dazu neigen, sich befragen zu lassen und ehrlich zu antworten. Da zudem auch noch die Zahl der Unentschlossenen ansteige, haben die Vorwahlbefragungen immer weniger Aussagekraft.

Stumpf kritisiert zudem die Zeithatz der Institute aufgrund des harten Wettbewerbs. Seriosität und Substanz blieben da auf der Strecke. Eine Umfrage mit maximal 1000 Befragten am Telefon, wie es längst üblich ist, sei nur sehr schwer zu kontrollieren. Von den 1000, das wissen die Fachleute, antworten höchstens 60 Prozent. 2500 bis 3000 Befragte wären sinnvoller, um auch die strategischen Wechselwähler einzufangen. Aber solche Umfragen sind teuer und zeitaufwändig, 1000 Befragte sind sozusagen der Kompromiss zwischen dem Kostenfaktor und dem zeitlichen Wettbewerb.

Vielleicht erlebt die Branche mit der 16. Bundestagswahl einen Wendepunkt: Weniger könnte mehr sein, sagt einer. Und Stumpf plädiert für mehr Aspekte bei einer Befragung, zum Beispiel die Analyse bestimmter Gruppen, wie den Nichtwählern. Bisher schrecken vor allem die Parteien davor zurück, solche Aufträge zu vergeben. Zu teuer.

Die kurzfristigen Wechselwähler, die nach Meinung von Infratest-dimap-Chef Richard Hilmer immer „taktischer“ entscheiden, wird man dennoch kaum vorher ausmachen können. Die Branche muss sich deshalb auch in Demut üben, Forsa-Chef Manfred Güllner sagt: „Wir müssen redlich sein, wir haben das Abschneiden der Union schlicht und einfach nicht abschätzen können.“ Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen regt an, die bisherige Haltung der TV-Anstalten zu überprüfen, in der letzten Woche keine Prognosen mehr zu veröffentlichen. Die Forschungsgruppe habe selbstverständlich zu Beginn der Wahlwoche die Union bereits unter 40 Prozent gesehen, aber diese Zahlen nicht mehr veröffentlichen können.

Wirtschaftlichen Schaden werden die Institute in Zukunft wohl trotz eventuell sinkender Nachfrage nicht nehmen. In erster Linie verdienen die meisten ihr Geld mit Marktforschung, und wenigstens da, sagt einer, gilt das Prinzip der Stichprobe nach wie vor als Naturgesetz.

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