Politik : Der Rauch der frühen Jahre

Die Zigarettenkonzerne werben mit zu jungen Models – um Jugendliche zu gewinnen. Damit brechen sie ein Versprechen

Roman Heflik

Wenn ein Jugendlicher in Berlin seinen ersten Lungenzug nimmt, ist er im Schnitt erst 13 Jahre alt. Mit dem ersten Glimmstängel kann er alles – den Dschungel durchqueren, in die Abendsonne reiten, auf Berge klettern. Das zumindest macht ihm die Werbung vor. Denn trotz einer Selbstverpflichtung der Tabakindustrie richtet sich Zigarettenwerbung oft gezielt an Jugendliche. Dies geht aus einer am Mittwoch in Berlin vorgestellten Studie hervor.

„Gerade bei Jugendlichen wirkt die Werbung stärker, weil sie deren Sehnsüchte und Träume anspricht“, sagt Johannes Spatz. Die Werbung vermittle den Jugendlichen das Gefühl, dass man zum Erwachsensein nichts als eine Zigarette brauche. Spatz ist der Autor der Studie, die im Auftrag des Berliner Senats und des Bezirksamtes Steglitz-Zehlendorf erstellt wurde. Die Untersuchung zeigt, dass die Models auf den Tabak-Werbeplakaten von den meisten Jugendlichen für junge Erwachsene unter 30 Jahren gehalten werden. Eine Absichtserklärung der Zigarettenproduzenten verbietet aber, Fotomodelle einzusetzen, die jünger als 30 Jahre sind. Erst im November hatte der Bundesverband der Verbraucherzentralen einen Tabakkonzern angeklagt, diese Regel zu missachten.

Egal, wie alt die Models tatsächlich sind: Nach Meinung der Verfasser der Studie zielt die Werbung auf Jugendliche ab, die Selbstverpflichtung sei daher unbrauchbar. Als Konsequenz fordern die Kritiker ein umfassendes Verbot von Tabakwerbung. Nur so könne die Zahl der jungen Raucher verringert werden. Die Gesundheitsexperten kritisierten, dass sich die Bundesregierung einem EU-weiten Verbot von Zigarettenwerbung in den Medien widersetzt. Am Montag hatte der Brüsseler Ministerrat gegen den Willen der Deutschen beschlossen, Tabakwerbung aus Presse, Radio und Internet ab dem Jahr 2005 zu verbannen. „Unsere Anstrengungen, Jugendliche vom Rauchen abzuhalten, laufen ins Leere, wenn die Tabakindustrie auf den Straßen und in den Kinos werben darf“, sagte die Berliner Gesundheitssenatorin Heidi Knake-Werner.

Die Studie zählt 35 Beispiele auf, in denen die Zigarettenindustrie im Großraum Berlin gegen ihre eigene Selbstverpflichtung verstoßen habe. Entgegen der Abmachung wird auch mit Prominenten oder mit Sportmotiven fürs Rauchen geworben. Spatz berichtete von einem Fall, in dem der Rennfahrer Michael Schumacher für Zigarillos werbe. Auf einem anderen Werbeplakat sei ein Sportler zu sehen, der sich seine Zigarette am olympischen Feuer anzünde.

Nach einer Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO sterben in Deutschland jährlich 140 000 Menschen an den Folgen des Rauchens. Laut Spatz könnte man durch ein umfassendes Werbeverbot jedes Jahr 10 000 Menschenleben retten.

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