Politik : Der richtige Anstoß

FUSSBALL-BUNDESLIGA

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Von Armin Lehmann

Anpfiff für Deutschland. Auch so kann man den Start der FußballBundesliga in die Saison 2003/2004 interpretieren. Als Symbol, als Signal. Man hat den Fußball schon oft benutzt, um in ihm einen Spiegel der Gesellschaft zu sehen, um Politik zu deuten, ja, um ganze Staatssysteme zu verstehen. Also dann: Warum nicht auch die Bundesliga als Reform-Modell für Deutschland?

Hier der verschuldete Staat, fast ohnmächtig versunken in Reformdebatten, und dort die Fußball-Bundesliga, so hoch verschuldet wie noch nie, aber mit Verantwortlichen, die, getrieben von den eigenen Fehlern, in ihren Klubs die Ärmel hochkrempeln – um das System umzukrempeln: Angesichts leerer Kassen haben zum 40. Bundesliga-Jubiläum alle Vereine ihre Transfer-Ausgaben auf das Nötigste beschränkt und die Etats zurückgefahren. Nur noch 32,5 Millionen Euro gaben die 18 Erstliga-Klubs für Verstärkungen aus, 2002 waren es noch 105 Millionen. Die aufgeblähten Mannschaftskader werden verringert, korrupte Funktionäre bekommen es mit der Staatsanwaltschaft zu tun. Gleichzeitig erklären über die Hälfte der Bundesliga-Kicker, dass sie mit Gehaltskürzungen einverstanden seien. Klubs wie Bayer Leverkusen streichen die Prämien. Luxushotels werden nicht mehr wie selbstverständlich bezogen, Talentspäher suchen immer häufiger in der eigenen Jugend nach Verstärkung.

Der Fußball macht sich schlank, macht sich frei von allem unnützen Ballast. Downgrading nennen das die Gesellschaftsforscher, das passt ganz gut zur neuen Fußball-Bundesliga. Und es funktioniert.

Der VfB Stuttgart hat es in der vergangenen Saison schon vorgemacht. Aus der finanziellen Enge heraus hat man sich besonnen auf das Wesentliche: auf den Fachverstand eines Trainers wie Felix Magath und auf das Talent sowie die gute Ausbildung des eigenen Nachwuchses. Dann war da noch Siegeswillen, eine Portion Können und ein bisschen Glück, um bis in die Champions League zu marschieren. Jetzt, da die neue Saison begonnen hat, spricht man schon von der Stuttgartisierung der Liga und meint: Realitätssinn statt Größenwahn.

Fußballer sollen ja auch Vorbild sein, hier sind sie es mal, nur anders – sie machen der Gesellschaft was vor: Wie man sich auf sein bewährtes Produkt besinnt. Das ist keine Meisterleistung, eher ein Abstaubertor. Denn Fußball als Produkt ist stark, bewegt Menschen, macht sie glücklich, lässt sie weinen. Die Zuschauer strafen sowieso alles Krisengerede Lügen: Die letzte Saison war dominiert vom FC Bayern, aber es wurden neue Zuschauerrekorde aufgestellt. Und auch für die neue Saison läuft das Geschäft, der Aufschwung ist schon da. Kartenvorverkauf: so gut wie nie. Fan-Artikelverkauf: boomt. Fernseheinschaltquoten selbst beim angeblich unspektakulären Liga-Pokal: erfreulich. Und 2006 kommt die Weltmeisterschaft ins eigene Land.

Aber bis dahin ist noch Zeit. Erst mal hat sich das Tempo verändert, die Bundesliga hält jetzt auch mal den Ball in den eigenen Reihen, macht das Spiel langsam. Dabei stimmt das Mannschaftsgefüge im Großen und Ganzen. Selbst die Krise mit dem eigenen Superstar, dem FC Bayern, und seinem Versuch, mit KirchVerträgen noch mehr eigenes Geld zu verdienen, hat man ganz gut gelöst und das Fundament der Liga, den Lastenausgleich zwischen Groß und Klein, den „Länderfinanzausgleich“, erhalten.

Das Spiel, der Fußball selbst, taugt zum Nachahmen für ein Land, das sich neu findet. Dieser Sport wird getragen von einer Grundsolidarität, ohne die der Erfolg unmöglich wäre. Der Fußball lässt auch den Raum für das Individuum. Jeder Spieler, bis zum Torwart, muss auch Verantwortung übernehmen.

Ob die deutsche Bescheidenheit im Fußball international konkurrenzfähig ist? Warum denn nicht. Das Modell Deutschland tritt jedenfalls in dieser Saison wieder an gegen den MillionenWahnsinn aus Madrid, aus Barcelona oder aus Chelsea, wo Schuldenberge dazu animieren, noch mehr Geld auszugeben. Aber die neue Generation von jungen Spielern in Deutschland hat durchaus Talent. Und den Ehrgeiz, einem David Beckham Paroli zu bieten.

Die 41. Fußball-Bundesliga-Saison ist angepfiffen. Es tut sich was in Deutschland. Und es macht Spaß.

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