Politik : Der rote Ken, der rote Oskar (Gastkommentar)

Roger Boyes

Ken Livingstone wird neuer Bürgermeister von London: ein schwieriger, paradoxer Charakter, aber mit einem Gespür für den richtigen Zeitpunkt seines Comeback. Das internationale Kapital habe mehr Tote auf dem Gewissen als Hitler, behauptet er mit dem ihm eigenen Einfühlungsvermögen. Unzweideutig befürwortet er den Euro, der in seinem Denken offenbar wenig mit dem internationalen Kapital zu tun hat. Seine Gedanken mögen bisweilen konfus wirken. Aber sein Herz schlägt - links. Ja, so ist er, der rote Ken.

Denen unter uns, die ein langes Gedächtnis haben, müsste das bekannt vorkommen. Wie hieß doch gleich dieser deutsche Politiker, der eine Kontrolle des Kapitals ebenso passioniert forderte, wie er für den Euro warb? Richtig, der rote Oskar.

Es gingen zwar nicht viele Londoner zur Wahl, aber Livingstones Anziehungskraft war stärker als die seiner Konkurrenten von den Konservativen und Blairs Labour. Das hat wenig mit seinem Dino-Sozialismus zu tun. Die Briten sind Tony Blairs Monopol auf Labour-Politik einfach müde. Sein Dritter Weg war eine gute Idee für die Reform des Wohlfahrtstaates. Doch dann wurde er zur Allround-Ideologie für alle Lebensbereiche: Dritter-Weg-Armee, Dritter-Weg-Außenpolitik und demnächst auch noch ein Dritter-Weg-Baby in Downing Street.

Heute ist der Dritte Weg ein Dogma, ein Instrument der Kontrolle, zur Durchsetzung von Partei-Disziplin. Die Anhänger von New Labour werden befördert, die von Old Labour hinausgedrängt. Nur der rote Ken hat es geschafft, politisch zu überleben. Und seine Hauptaufgabe in London wird es sein, Tony Blair zur Verzweiflung zu treiben.

Das ist eine sehr gesunde Mission, und mir scheint, die Schröder-SPD hätte ebenfalls einen roten Ken dringend nötig. Die Sozialdemokraten müssten eine Partei sein, in der gestritten wird. Das hält sie lebendig. Ohne Oskar ist sie ungefähr so reizvoll wie Marzahn an einem regnerischen Sonntagnachmittag. Mit einer Partei, deren interessantester Politiker Hans Eichel ist, kann irgend etwas nicht stimmen.

Deshalb: Oskar als Bürgermeister! Bürgermeister sind die faszinierendsten Gestalten auf der politischen Bühne. Ihre Arbeit lässt sich rasch bewerten: Sind die Straßen sauber, die Schulen sicher, die Busse pünktlich? Sie können zu Volkshelden werden, wie das nationalen Politikern nicht vergönnt ist. Jacques Chirac war ein populärer Bürgermeister von Paris, als Präsident ist er langweilig und fehl am Platz. Der US-Politiker, der am meisten von sich reden machte, heißt nicht Gore, Bush oder Clinton, sondern - Rudolph Giuliani, der wieder Ordnung nach New York brachte.

Oskar sollte diesen Job nicht verachten. Und nicht glauben, dass seine politische Zukunft im Saarland liegt, der verschlafensten Ecke Deutschlands. Lafontaine statt Diepgen! Das wäre ein guter Tausch. Berlins Regierender wäre endlich wieder eine Figur von nationaler Bedeutung und nicht ein Dorfhäuptling im Asterix-Stil wie derzeit. Der rote Oskar, Regierender Bürgermeister, das klingt gut. Dann würde Lafontaine es dem Kanzler so richtig zeigen - so wie der rote Ken es Blair gezeigt hat. Und wir erlebten wieder interessante Zeiten.Der Autor ist Korrespondent der britischen Zeitung "The Times".

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