Der Sandalenkrieg : Mit Rebellen in den Bergen von Libyen

Sie haben Gaddafi schon immer gehasst. Und anders als in Bengasi verläuft der Aufstand in den Hügeln nahe Tripolis sehr erfolgreich. "Die Berge kämpfen für uns", sagt ein Berberrebell. Eine Reportage.

Jorn de Cock
Ihr Terrain. Im Nafusa-Gebirge kennen die Berber jedes Schlupfloch. Deshalb sind ihnen Gaddafis Truppen hier weit unterlegen.
Ihr Terrain. Im Nafusa-Gebirge kennen die Berber jedes Schlupfloch. Deshalb sind ihnen Gaddafis Truppen hier weit unterlegen.Foto: Youssef Boudlal/Reuters

Die hier auf der Terrasse gesessen haben, priesen für gewöhnlich die Aussicht. Bis ans Ende der Welt, schien es, könne man von hier oben aus sehen. Kilometerweit erstreckt sich vor dem Nafusagebirge das hügelige Land, braun und grün, dazwischen, als graues Asphaltband die Straße und obendrüber der blaue Himmel.

Die hier saßen, waren Gäste des Hotels Jefren, einer Villa im italienischen Stil, erbaut in den 1920er Jahren, die sich die westlichen Berge Libyens anschauen wollten, die Welt der Berber, die hier leben, den 200 Kilometer langen Tafelberg, der bis zur Grenze nach Tunesien reicht, die Wüstenschlösser oder die Stadt Jefren selbst, eine Sehenswürdigkeit in der Region. Das war sie jedenfalls bis zum Frühjahr. Im April begann ihr Ende bedrohlich nah zu rücken.

Fotos aus den Nafusa-Bergen in Libyen
Auf den Gipfeln der Nafus-Berge im Westen Libyens halten Männer Ausschau nach Gaddafis Truppen, die sich unten in der Ebene sammeln.Weitere Bilder anzeigen
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20.06.2011 17:35Auf den Gipfeln der Nafus-Berge im Westen Libyens halten Männer Ausschau nach Gaddafis Truppen, die sich unten in der Ebene...

Und darum machten sich diejenigen, die Jefren im Besonderen und Nafusa darüber hinaus ihre Heimat nennen, nun auf den Weg nach Tripolis, in die Hauptstadt, wo Muammar al Gaddafi immer noch Machthaber ist. Sie wollen wieder eine Aussicht haben, eine Aussicht auf ein besseres Leben.

Bis noch vor zwei Wochen lagerten Gaddafis Truppen im unteren Teil ihrer den Hügel hinaufgebauten Stadt Jefren mit ehemals 25.000 Einwohnern. Mit schwerem Geschütz haben die Soldaten die höher gelegenen Stadtteile wochenlang unter Beschuss genommen, mit Grad-Raketen, russischen Schnellfeuerraketen, die für ihre Zerstörungskraft bekannt sind und für mangelnde Präzision. Und die Menschen oben in der Stadt saßen ohne Wasser und Strom fest wie in einem Turm. „Zwei Monate lang haben sie uns mit ihren Raketen und Flugabwehrkanonen bombardiert“, sagt einer der jungen Berber aus der Stadt. „Aber nie haben sie den oberen Teil der Stadt erobern können.“ Und dann kam die Wende: Gaddafis Truppen zogen sich zurück.

Es ist ein von der Öffentlichkeit wenig beachteter Kampf, der im Nafusagebiet seit drei Monaten erbittert ausgetragen wird zwischen lokalen Rebellen und Gaddafis Truppen. Die internationale Aufmerksamkeit richtet sich auf andere Fronten, auf Bengasi im Osten und die Küstenstadt Misrata. Aber nur auf dem Hochplateau des Westens haben die Rebellen, die ihren Protest als Solidaritätserklärung für die Aufständischen begannen, beachtliche Erfolge erzielt. Und: Von Nafusa aus sind sie weniger als 100 Kilometer von der Hauptstadt Tripolis entfernt, wohin von hier aus zahlreiche Angehörige der Amazigh-Minderheit verschleppt wurden, um sie im staatlichen Fernsehen auftreten und danach in Kerkern verschwinden zu lassen.

Deshalb begannen sie ihren Marsch. Sie begannen ihn in Jefren, wo die Spuren des Krieges allgegenwärtig sind. Das Hotel Jefren mit seiner beliebten Terrasse ist zerstört, liegt in Trümmern da. Die Oberschule ist von Granaten durchlöchert. „Meine alte Oberschule“, sagt Tarek, während er auf seinem alten Spielplatz herumläuft. Im Büro des Hausmeisters hängen noch die Schlüssel für die Klassenzimmer, aber es gibt kaum noch eine intakte Tür. Im Gebäude der Feuerwehr hatten Gaddafis Truppen ein Feldlager eingerichtet, und sie hinterließen es als desolates Durcheinander. Munition, Decken, Ferngläser, Helme bedecken den Boden, und im Hof liegt der verwesende Kadaver eines Pferdes. „Sie haben das Pferd erschossen, als sie flüchten mussten“, sagt Tarek. Er wedelt mit der Hand vorm Gesicht, um den Gestank zu vertreiben.

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