Politik : Der Schattenmann der DDR - Vor zehn Jahren wurde Stasi-Chef Mielke aus dem Amt gejagt

Robert Ide

Als der Verhaftete am 8. Dezember 1989 im Untersuchungsgefängnis der Volkspolizei in der Berliner Keibelstraße aufwachte, hatte er bereits alle Illusionen verloren. "Das überlebe ich nicht; ich werde sterben", sagte er dem Militärstaatsanwalt, der ihn zuvor im Haus Nr. 14 der SED-Siedlung Wandlitz aufgespürt hatte. Erich Mielke, als Stasi-Minister zum gefürchtetsten Mann der DDR avanciert, stand plötzlich unter Korruptionsverdacht und verlangte verzweifelt einen Anwalt - "am besten Parteigenosse Gysi".

Dieser hatte jedoch als neuer Parteichef der SED / PDS andere Sorgen als einen verstörten 82-Jährigen. Mielke saß vor dem Scherbenhaufen seines Lebens. In einer Zelle durfte er über die verlorene Macht sinnieren.

Die kommunistische Karriere des Berliner Arbeitersohns hatte bereits in den dreißiger Jahren begonnen. Mielke machte sich am 9. August 1931 als Hauptverdächtiger in der "Mordsache Bülowplatz" einen unrühmlichen Namen. Nachdem vor dem Berliner Kino "Babylon" zwei Polizisten durch zehn Schüsse getötet wurden, flüchtete er mit sowjetischen Papieren. Unter dem Decknamen "Paul Bach" denunzierte er Studienkollegen an der Moskauer Leninschule, als Kapitän "Fritz Leisner" spielte er im Spanischen Bürgerkrieg eine undurchsichtige Rolle bei der Liquidierung nichtkonformer Kommunisten.

In der DDR schuf der Tschekist das MfS, das er ab 1957 selbst anführte. Unter Erich Honecker baute einen der größten Spitzelapparate der Welt auf. Am Ende seiner Laufbahn befehligte der Parteiarbeiter 90 000 hauptamtliche und doppelt so viele inoffizielle Mitarbeiter. Kurz vor dem Umbruch ließ Mielke Internierungslager vorbereiten, um mit Oppositionellen "kurzen Prozess" machen zu können. Die Demonstrationen "feindlich-negativer Elemente" im Herbst 1989 interpretierte Mielke als Angriff auf sein Lebenswerk. "Haut sie doch zusammen, die Schweine", befahl er noch am 7. Oktober seiner Knüppelgarde, als Protestler den 40. DDR-Geburtstag störten.

Genau einen Monat später wurde der Stasi-Boss vom Volk aus dem Amt gejagt. Sein Verfolgungswahn steigerte sich nun ins Unermessliche. Die ganze Hilflosigkeit des Armeegenerals kam am 13. November 1989 zum Ausdruck, als er sich vor der Volkskammer rechtfertigen sollte. Unter Zwischenrufen und Gelächter stotterte er: "Ich liebe doch alle, alle Menschen." Während intern die "Aktion Reißwolf" anlief, mit der alle brisanten Akten vernichtet werden sollten, gab er untergebenen Genossen zu Protokoll: "Minister gesprochen; bedauert; konnte sich nicht mehr steuern; psychisch und physisch am Ende." Seit jenen Tagen vor zehn Jahren ist Mielke ein gebrochener Greis. Der Mann kam am 7. März 1990 wieder auf freien Fuß. Später musste er sich wegen der Mauertoten und der Bülowplatz-Morde vor Gericht verantworten. Seit Sommer 1995 lebt der Schattenmann der DDR in einem renovierten Plattenbau in Berlin-Hohenschönhausen. Nur selten verlässt er mit dem Rollstuhl seine 64 Quadratmeter Wohnfläche, um sich in eine Welt hinaus zu wagen, die für ihn voller Feinde ist.

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