Politik : Der scheue Sieger

Der US-Demokrat John Kerry ist nicht Liebling der Massen, aber immerhin erfolgreich – zuletzt in New Hampshire

Malte Lehming[Washington]

Ganz geheuer scheint es ihm noch nicht zu sein, dass er jetzt im Rampenlicht steht. Ein wenig scheu, fast verlegen, wirkt dieser Sieger. Aber seit Dienstag steht fest: John Kerry ist der klare Favorit der amerikanischen Demokraten im Rennen um die Nominierung zur Präsidentschaftskandidatur. Zum zweiten Mal innerhalb von acht Tagen hat sich der Senator aus Massachusetts mit deutlichem Vorsprung gegen seine Rivalen durchgesetzt. Erst Iowa, dann New Hampshire: Noch nie ist ein Kandidat von seiner Partei am Ende nicht nominiert worden, der in diesen beiden Bundesstaaten die Auseinandersetzung gewann. Das verleiht Flügel.

Entscheidend für Kerrys Erfolge ist die Überzeugung der Wähler, nur er, der hochdekorierte Vietnamveteran und vierfache Senator, sei im November in der Lage, Amtsinhaber George W. Bush zu schlagen. Das Kriterium der „electability", der Wählbarkeit, gab den Ausschlag. Er ist nicht der Liebling der Massen, sondern ihre größte Hoffnung. Inhaltlich stimmen viele Demokraten eher mit anderen Kandidaten überein. Mindestens zwei, Howard Dean und John Edwards, können auch wesentlich besser reden. Doch Programm und Charisma rangieren auf der Prioritätenliste der Wähler weiter hinten. Kerry etwa hat die Irakkriegs-Resolution im Kongress unterstützt. Trotzdem gaben ihm viele Kriegsgegner ihre Stimme.

Das schmerzt besonders Dean, den Zweitplatzierten. Vor zwei Wochen noch galt der Ex-Gouverneur von Vermont als unschlagbar. Dieser Nimbus wurde in Iowa zerstört. In New Hampshire hat sich der Trend fortgesetzt. Dennoch darf man Dean noch nicht abschreiben. Weiterhin fließen ihm übers Internet die Spendengelder zu. Zweifellos profitiert hat er von der Erweiterung seines Images. In New Hampshire stand oft seine Frau neben ihm. Gemeinsam ließ sich das Paar vom Fernsehsender ABC interviewen. Dean war spürbar bemüht, menschlicher, umgänglicher zu wirken. Seine Abschlussrede von Iowa, gehalten am Martin-Luther-King-Day, hatte einen bizarren Schrei als Höhepunkt. Unter Spöttern heißt sie die „I-have-a-scream-speech". Seit New Hampshire dagegen trägt der Kandidat das Prädikat „Decaf Dean" – der entkoffeinierte Dean.

Allerdings muss er aufpassen, nicht endgültig zum Protest-Kandidaten degradiert zu werden. Am kommenden Dienstag wird gleichzeitig in sieben weiteren Bundesstaaten gewählt. In keinem davon zeichnet sich ein Sieg Deans ab. Etwas kleinlaut hört man aus dem Dean-Lager, man konzentriere sich jetzt auf den Super-Tuesday am 2. März. Vor allem in Kalifornien und New York wolle man siegen. Das freilich ist riskant. Kerry wiederum hat seit der Vorwahl in Iowa in den Umfragen unter Wählern in South Carolina, Oklahoma und Arizona kräftig zugelegt.

Als Dritter bleibt auch Edwards im Rennen. Der Senator aus North Carolina hatte in Iowa einen beachtlichen zweiten Platz errungen, in New Hampshire lag er, knapp hinter Ex-General Wesley Clark, auf Rang vier. Edwards Stunde jedoch könnte am kommenden Dienstag in South Carolina, dem ersten Südstaat in den Vorwahlen, schlagen. Gewinnt er dort, rückt wieder unweigerlich die Frage in den Vordergrund, ob die Partei mit Nordstaatlern wie Kerry und Dean auch in ganz Amerika eine Chance hat. Seit John F. Kennedy ist kein Nordstaaten-Demokrat mehr US-Präsident geworden.

Zu den Verlierern von New Hampshire gehören Clark und der ehemalige Bewerber um die Vizepräsidentschaft Joseph Lieberman. Beide waren in Iowa nicht angetreten, um sich voll auf New Hampshire konzentrieren zu können. Das Kalkül ist nicht aufgegangen. Falls am 3. Februar kein Wunder geschieht, kann Lieberman aufgeben. Clark wiederum ist in eine doppelt schwierige Position geraten: Kerry hat ihm die Rolle streitig gemacht, der Einzige zu sein, der sowohl gegen Dean als auch Bush bestehen kann. Mit Edwards wiederum buhlt Clark um die Stimmen der Südstaatler. Eher geschadet hat ihm außerdem die Umarmung des Pamphletisten Michael Moore. Wer mit solchen Freunden auftritt, muss sich in Amerika deftige Schelte gefallen lassen.

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