Politik : Der Schleuser wartet im Reisebüro

Christine Möllhoff

Neu-Delhi - Bis zuletzt musste Joydeep Bagchee zittern, ob er nach Deutschland einreisen darf. Dabei schien sein Fall klar. Die Humboldt-Universität in Berlin hatte den Inder als Austauschstudenten angenommen, der Flug war gebucht. Nur das Visum fehlte. Da stolperte die Deutsche Botschaft über einen falschen Vermerk in seinen Papieren – statt für Philosophie hatte ihn die Uni für Musik angemeldet. Bagchee geriet in die Mühlen der Visabürokratie. Erst nach Presseberichten bekam er die Einreiseerlaubnis.

Der Fall zeigt, wie widersprüchlich die Visa-Praxis oft ist. Einerseits will Berlin begabte Studenten und Wissenschaftler aus Indien nach Deutschland holen. Die USA, Kanada und Großbritannien haben die zweitgrößte Nation der Welt längst als Pool für Talente und kluge Köpfe entdeckt. Andererseits sind die Botschaften gehalten, strenger zu prüfen, um Wirtschaftsflüchtlinge und dubiose Gestalten fern zu halten. Schon die Visa-Gebühren von 25 Euro aufwärts sind für viele Inder unbezahlbar. Rund 30 000 haben 2003 allein bei der deutschen Botschaft in Delhi ein Visum beantragt. Wie viele bewilligt wurden, wird nicht verraten. Jeden Morgen um acht Uhr bildet sich vor der Botschaft in Neu-Delhi eine Schlange, bis zu 300 Menschen. Zwei oder mehr Stunden dauert die Prozedur. Während Frauen in bunten Kurtas auf dem Rasen vor dem Botschaftsgelände kauern, wühlen sich Männer mit Turbanen durch die Formulare. Zwei Tage später können sie ihr Visum abholen - wenn es klappt.

Dort, und in manchen Reisebüros bieten Schleuser ab 7000 Euro den Visa- rund-um-Service mit falschen Papieren an. Mancher verscherbelt alles, die Regel ist Missbrauch nicht. Bei der Green Card für Computerexperten entscheidet die Bundesagentur für Arbeit. Seit August 2000 wurden knapp 5500 Green Cards an Inder vergeben, heute tröpfeln die Anträge nur herein – es fehlt an IT-Jobs in Deutschland.

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