Politik : Der Schock hält an

Ein Jahr nach dem Mord am islamkritischen Filmemacher van Gogh spüren die Niederlande noch immer die Folgen der Tat

Ruth Reichstein[Amsterdam]

Im Leben von Sahid hat sich fast nichts geändert seit dem 2. November 2004. Der Niederländer, der in Ägypten geboren wurde und seit 1989 in Amsterdam lebt, verkauft nach wie vor in der Linnaeusstraße Hamburger und Döner. Die Kunden sind zufrieden. Das Geschäft läuft. Aber etwas ist anders: Sahid ist nicht sein richtiger Name, sein Chef hat ihm verboten, diesen der Presse zu nennen.

Immer wieder kommen Menschen fragen, wo genau das passiert ist, was die niederländische Gesellschaft vor einem Jahr in ihren Grundfesten erschüttert hat. Nur einige Meter von Sahids Imbiss entfernt wurde damals Theo van Gogh auf grausame Weise ermordet. Der islamkritische Filmemacher war mit seinem Fahrrad auf dem Weg zur Arbeit, als ihn ein junger Mann anfiel und auf ihn einstach. Nach einem kurzen Kampf durchschnitt der Mörder van Gogh die Kehle.

Der Regisseur starb für seine Kritik am Islam. In seinem Film „Submission“ ließ er Koranverse in einen nackten Frauenkörper ritzen, um gegen den Umgang mit Frauen im Islam zu protestieren. Sein Mörder, Mohammed B., wollte ihn dafür bestrafen. In einem Schreiben, das der Niederländer mit marokkanischer Herkunft beim Leichnam hinterlassen hatte, rief er zum heiligen Krieg auf. In den Wochen nach dem Mord gab es viele Brandanschläge auf Moscheen, Islamschulen und Kirchen. „Misstrauen und eine depressive Nabelschau sind auch ein Jahr danach an der Tagesordnung“, schreibt der Kolumnist Sjoerd de Jong im Rotterdamer „Handelsblad“. Der toleranten Multikulti-Gesellschaft droht das Fundament wegzubrechen. „Es ist unglaublich hart. Die Menschen sind viel vorsichtiger den Muslimen gegenüber. Sie schauen auch mich komisch an, obwohl ich Christ bin“, sagt Sahid. Der Amsterdamer Bürgermeister Job Cohen sagt, dass „die Polarisierung in der Gesellschaft zugenommen hat“.

Die Regierung tut nicht viel, um dem entgegenzuwirken. Das oberste Gebot der liberal-konservativen Mannschaft von Jan Peter Balkenende ist Sicherheit. In den vergangenen Monaten beschloss das Kabinett viele Maßnahmen, um die Einwanderung zu erschweren. In die Niederlande dürfen künftig nur noch diejenigen einreisen, die einen entsprechenden Sprachtest bestanden haben. Imame aus dem Ausland sollen gar nicht mehr zugelassen werden, um eine Radikalisierung jugendlicher Muslime zu vermeiden. Auch die Asylpolitik wurde verschärft. Die Polizei führt regelmäßig Großaktionen gegen Terrorverdächtige durch, nur findet sie dabei selten Beweise für geplante Anschläge.

„Die ganze Situation zeigt, dass sich die Niederlande in einer unsicheren und radikalen Phase befinden“, sagt Sjoerd de Jong. In Amsterdam versucht die Stadtverwaltung, dass Zusammenleben der Kulturen wieder zu verbessern. Plakate rufen zu gegenseitigem Respekt auf und zum Jahrestag des Mordes an van Gogh werden zahlreiche interkulturelle und interreligiöse Veranstaltungen organisiert. Ab dem kommenden Jahr soll ein Kaktus unweit des Tatorts an den unbequemen Künstler erinnern.

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