Politik : Der Schock nach der Explosion sitzt tief - weitere Terroraktionen werden befürchtet

Elke Windisch

In der Moskauer Gurjanow-Straße sieht es nach der Explosion des Hauses Nummer 19 aus, als sollten dort Dreharbeiten für die Fortsetzung des Films "The day after" beginnen. Zwei Aufgänge sind völlig zerstört, dichter Qualm wabert über den Trümmern, aus denen noch immer Flammen züngeln. Nach vorläufigen Angaben kamen bei dem Bombenanschlag Donnerstagnacht 82 Menschen ums Leben, über 250 wurden verletzt. Am Montag wird Russland der Opfer mit einem nationalen Trauertag gedenken, kündigte Premier Wladimir Putin am Freitag auf einer Sondersitzung der Regierung an, die sich ausschließlich mit den Terroranschlägen beschäftigte, die Russland nach dem Wiederaufflammen der Kämpfe zwischen Regierungstruppen und Islamisten in Dagestan im Fließbandtakt erschüttern. Ende August knallte es im Einkaufszentrum Manegeplatz gegenüber dem Kreml. Vier Menschen starben. Am letzten Samstag sprengten Terroristen ein Wohnhaus russischer Offiziersfamilien in der dagestanischen Garnisonsstadt Buinaksks - 64 Tote. Am Freitag musste nach einer neuen anonymen Bombendrohung in Moskau ein Luxus-Einkaufszentrum in unmittelbarer Nähe des Kremls geräumt werden. In den Medien wird immer wieder ein offiziell nicht bestätigter Anruf in der Zentrale des Geheimdiensts FSB zitiert, in dem ein Mann mit kaukasischem Akzent erklärt haben soll, die Anschläge seien "unsere Antwort auf die Bombardements der russischen Luftwaffe gegen Dörfer in Tschetschenien und Dagestan".

Seltsamerweise schweigt sich Präsident Boris Jelzin zu den ungeheuerlichen Vorgängen aus und überlässt das Krisenmanagement seinem Kronprinzen Putin. Der kündigte bereits ein Programm mit verschärften Sicherheitsvorkehrungen an, um weitere Anschläge zu verhindern. Dabei, so Putin vor laufender Kamera, rechnen die Behörden auf aktive Mithilfe der Bevölkerung, die gehalten ist, Verdächtiges sofort zu melden. Senatspräsident Jegor Strojew, hatte bereits am Donnerstag die Behörden in seiner Heimatregion Orjol angewiesen, bis auf weiteres Kaukasiern die Zuzugsgenehmigung zu verweigern und schon erteilte Genehmigungen überprüfen zu lassen. Gestern kündigte Moskaus Oberbürgermeister Jurij Luschkow ähnliche Maßnahmen für die russische Hauptstadt an. Andere Regionen dürften dem Beispiel bald folgen.

In Dagestan haben unterdessen russische Truppen nach einem verlustreichen Gefecht am Freitag eine Schlüsselstellung islamischer Rebellen erobert. Dabei fielen elf Regierungssoldaten und etwa 200 Rebellen, wie der Fernsehsender NTW berichtete. Der Sender zeigte Bilder von Schützengräben, die mit Leichen angefüllt waren. Fast wie ein makabres Memento - angesichts der Bilder der zivilen Opfer aus dem durch den Anschlag zerstörten Wohnhaus in Moskau.

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