Politik : Der Schrecken beginnt im Kopf

WARNUNGEN VOR TERROR

Frank Jansen

Die Warnungen kommen Tag für Tag und klingen dramatisch. Minister und Sicherheitsexperten verkünden, es seien Anschläge islamistischer Terroristen in Deutschland zu befürchten. Berlin und Frankfurt werden als Anschlagsziele genannt. Der Bundesnachrichtendienst spricht von Terrorangriffen mit biologischen, chemischen oder nuklearen Kampfstoffen. Das Gesundheitsministerium will den Vorrat an Impfstoffen gegen Pockenviren aufstocken. Oft jedoch werden die Warnungen mit einem seltsamen Zusatz versehen: Konkrete Erkenntnisse über einen bevorstehenden Anschlag gebe es nicht. Die Bevölkerung ist verunsichert: Was soll sie mit den Warnungen anfangen?

Ist es sinnvoll, Gasmasken zu kaufen oder sich impfen zu lassen? Sollte man große Veranstaltungen meiden, um dem Risiko einer Geiselnahme wie in Moskau zu entgehen? Wäre es besser, aus gefährdeten Großstädten wie Berlin und Frankfurt wegzuziehen? Wohl nicht. Doch geben Politik und Sicherheitsbehörden keine genaue Antwort. Auf den Alarm folgt keine Aufklärung über Sinn und Unsinn individueller Vorsorge und über möglichen Schutz. Es wird auch nicht gesagt, wie Feuerwehr, Technisches Hilfswerk, andere Zivilschutzorganisationen und die Bundeswehr auf den vermuteten Ernstfall vorbereitet sind. So setzen sich Politik und Sicherheitsbehörden dem Verdacht aus, es werde leichtfertig gewarnt, nur um im Fall eines Anschlags keine Vorwürfe hinnehmen zu müssen.

Der Mangel an Erklärungen mindert die Glaubwürdigkeit der Warner, obwohl ihre Prognosen durchaus realistisch sind. Die Bundesrepublik ist keine Insel der Seligen, die islamistische Terroristen gnädig verschonen. Die Anschläge auf Djerba und Bali, die Geiselnahme in Moskau und natürlich der 11. September zeugen von Gefahr. Mit dem Einsatz der Bundeswehr beim Anti-Terror-Feldzug „Enduring Freedom“ zieht sich Deutschland weiteren Hass militanter Islamisten zu. Selbst die vielen Erfolge, die Festnahmen mutmaßlicher Attentäter und Hintermänner, sind letztlich beunruhigende Hinweise auf die Manpower, über die der islamistische Terror verfügt. Zehntausende Gotteskrieger haben Trainingscamps in Afghanistan absolviert und sich dann über die ganze Welt verstreut. Außerdem berichten Geheimdienste über Nervengas und andere Kampfstoffe in den Händen der Al Qaida. Da erscheint es durchaus notwendig, die Bevölkerung rechtzeitig zu warnen. Aber wovor?

Ein Szenario lautet: Terroristen zünden in einer Großstadt eine „schmutzige Bombe“, einen mit radioaktivem Abfall gemischten Sprengsatz. Mehrere Straßenzüge würden verstrahlt. Der direkte Schaden wäre enorm, doch er stiege ins Unermessliche, flüchteten die Menschen in Angst vor „Atombomben“ aus den Metropolen. Das Chaos wäre kaum vorstellbar. Also sollte der Bevölkerung die große, aber begrenzte Gefahr einer „schmutzigen Bombe“ realistisch geschildert werden. Um die Menschen gegen den mentalen Overkill zu wappnen.

Mit der Vielzahl von Warnungen steigt allerdings auch das Risiko, von Osama bin Laden instrumentalisiert zu werden. Der Terrorchef und seine Sprecher haben ihre Drohungen intensiviert, vor allem gegen Deutschland. Al Qaida will offenbar mit psychologischer Kriegführung eine Inflation an Warnungen provozieren. Trauen sich die „Ungläubigen“ kaum noch in Flugzeuge oder Warenhäuser, verursachen die Terroristen auch ohne Sprengsätze beträchtlichen Schaden.

Politik und Behörden sollten ihre Warnungen dosieren und möglichst präzise über Konsequenzen sprechen. Diffuse Prognosen schüren nur Unruhe. Ganz im Sinne der Terroristen.

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