Politik : Der schwedische Weg Mit Anreizen will Stockholm bei Migranten

den Wunsch nach Integration wecken

Juliane Schoenherr

Berlin - Während Deutschland die integrationspolitischen Zügel anzieht und Einwanderer demnächst nur noch nach bestandenen Sprach- und Einbürgerungstests ins Land lässt, geht Schweden einen sanfteren Weg. Der Generaldirektor des staatlichen Integrationsamtes, Andreas Carlgren, sagte am Donnerstag beim 10. Deutsch-Schwedischen Dialog in der Schwedischen Botschaft: „Wir versuchen es weiter im Guten.“ Gesinnungs- und Sprachtests werde es in Schweden vorerst nicht geben.

Mit einer Migrantenquote von 13 Prozent sei Schweden unbestreitbar ein Einwanderungsland. „Die meisten Migranten sind Muslime, bei denen wir für Verständnis und Loyalität gegenüber dem schwedischen Staat und seinen Werten werben müssen“, so Carlgren. „Nur wenn wir ihnen das Gefühl geben, Teil der Gesellschaft zu sein, werden sie Verantwortung übernehmen.“

Muslimische Frauen mit Kopftuch dürfen in dem skandinavischen Land theoretisch jeder Arbeit nachgehen und jedes Amt bekleiden. „Alles andere wäre Diskriminierung“, sagte Carlgren. Leider würden in der Praxis oft Gründe vorgeschoben, um muslimische Bewerberinnen abzulehnen. Das müsse sich ändern.

In Schweden ist es für Ausländer relativ leicht, die Staatsbürgerschaft zu bekommen. Flüchtlinge erhalten sie nach vier Jahren, andere Migranten nach fünf Jahren. Seit kurzem dürfen sie dabei auch ihre alte Staatsbürgerschaft behalten. Anders als in Deutschland, wo es oft heißt, Migranten müssten sich die Staatsangehörigkeit erst verdienen, soll sie in Schweden ein Ansporn sein. „Integration ist ein Ergebnis der Einbürgerung, nicht die Voraussetzung“, so Carlgren.

Der schwedische Staat tritt also in Vorleistung, indem er die Staatsbürgerschaft vergibt und Antidiskriminierungsgesetze erlässt. Damit hofft man, bei Migranten den Wunsch nach Integration zu wecken. In Schweden will man ihnen erst einmal eine Perspektive bieten, bevor man etwas fordert. Deshalb bietet der Staat Kurse an, die über das Vermitteln der Landessprache hinausgehen. Auf dem Unterrichtsplan stehen schwedische Kultur, Politik und der Arbeitsmarkt des Landes. „Die Migranten sollen ihre Chancen realistisch einschätzen lernen und wenn nötig an ihrer Qualifikation arbeiten können“, erklärt Carlgren. Für Migranten, die Sozialleistungen beziehen, sei der Kurs verpflichtend, für alle anderen freiwillig.

Kritiker halten diese Politik für naiv. Dass Migranten vor Erhalt der Staatsbürgerschaft nicht nach ihrer Einstellung gefragt werden, komme einem Freibrief für Islamisten gleich. Vielen ist noch der Fall in Erinnerung, als ein kurdischer Vater seine Tochter erschoss, weil sie selbst ihren Mann gewählt hatte. Carlgren beschwichtigt: „Wenn jemand gegen unsere Gesetze verstößt, kommt er ins Gefängnis, wie jeder andere Kriminelle.“ Besagter Vater sei hinter Gittern, die Zwangsehe sei in Schweden verboten.

Noch glauben viele Menschen, Integrationspolitik werde nur betrieben, um Probleme zu vermeiden, bedauert Carlgren. „Mir ist das zu wenig. Migranten sind für Schweden eine Bereicherung. Von der Vielfalt sollten wir profitieren.“

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