Politik : Der Sieger ist der Verlierer

CDU stürzt vor allem in großen Städten ab / SPD in Dortmund und Gelsenkirchen wieder vorn

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Als die ersten Zahlen über den Bildschirm flattern, brandet Beifall auf, doch schon wenig später verebbt er wie eine langsame Welle an einem flachen Strand. Wenig später wird es richtig still. Die Union, das sagen die Wahlforscher den Menschen in der CDUParteizentrale voraus, hat die Kommunalwahl zwar mit mehr als 43 Prozent gewonnen, aber hinter dieser eigentlich respektablen Ziffer steht eine andere Zahl: Zunächst melden die Demoskopen für die Union ein Minus von 5,8 Punkten, im Laufe des Abends wird es stetig wachsen, und am Ende wird eine Sieben vor den Verlusten der CDU im größten Bundesland stehen.

Jürgen Rüttgers, der Landesparteichef, hatte mit einem solchen Wert rechnen, ja ihn befürchten müssen. Die Experten hatten der Union deutliche Verluste vor allem in den großen Städten vorausgesagt. Und weil das erwartete Ergebnis am Abend Realität wird, sucht Rüttgers die Mikrofone wesentlich eher, als es Spitzenpolitiker üblicherweise zu tun pflegen. Bevor der eine oder andere angesichts der Verluste nachdenklich werden kann, gibt er seine Parole aus: „Wir können uns heute abend sehr freuen“, sagt er. „Wir sind stärker als SPD und Grüne zusammen.“ Bevor er hinzufügt, dass dies natürlich eine gute Ausgangslage für die Landtagswahl im Mai 2005 sei, schlägt er gegen Franz Müntefering, den SPD-Generalsekretär: „Die Trendwende der SPD ist zusammengebrochen.“

Die Genossen sehen das anders. Im Sommer hatten die Sozialdemokraten eher angstvoll nach Berlin geblickt. Sobald das Stichwort Hartz fiel, verging nicht wenigen die Lust auf Wahlkampf. Bei der Europawahl machten gerade noch 25 Prozent ihr Kreuz bei den Genossen, diese Ziffer war aus den Hinterköpfen nicht mehr zu vertreiben. Als die Wahlexperten dann mit rund 33 Prozent ein Ergebnis in der Nähe des Niveaus von 1999 vorausgesagt hatten, hatte manch einer aufgeatmet. „Jetzt sehen wir wieder die Morgenröte", versuchte sich SPD-Generalsekretär Michael Groschek gleich als Poet, während Landesparteichef Harald Schartau etwas sachlicher analysierte: „Die SPD hat sich stabilisiert.“

Im Laufe des Abends freuen sich die Genossen dann immer heftiger über die Ergebnisse, vor allem aus dem Ruhrgebiet. Vor fünf Jahren hatten sie in ihrer Stammregion nicht nur verloren, sie waren abgestraft worden und verloren etliche Rathäuser – etwa in Dortmund und Gelsenkirchen – an die Union. In beiden Städten stellt die SPD nun die alten Verhältnisse wieder her, selbst die CDU-Oberbürgermeisterstühle wackeln. „Das Ruhrgebiet scheint sich besonnen zu haben", freut sich Schartau.

In Düsseldorf fallen die CDU-Verluste mit minus 4,9 Prozentpunkten glimpflich aus. In Bochum liegen die Verluste bei 8,2 und in Münster bei 11,3 Punkten. Richtig hart trifft es die Union in Köln: Sie muss ein Minus von 12,5 Punkten hinnehmen, die SPD zieht mit einer jungen Truppe nah an sie heran. Die Grünen wiederum können dort ihre starke Position nicht verbessern; möglicherweise liegt das an der ungeliebten Koalition mit der CDU. Landesweit sind sie am Ende jedoch eindeutiger Sieger, sie legen mehr als zwei Prozentpunkte zu. „Die CDU hat mit der FDP verloren“, sagt die grüne Ministerin Bärbel Höhn. Rot-Grün hingegen habe deutlich zugelegt. Die FDP interpretiert das Ergebnis anders: „Ganz klar, das ist ein Signal für den Politikwechsel im Lande.“

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