Politik : Der Spion, der gerne redet

Markus Wolf war bei der Stasi der Mann im Hintergrund. Nach der Wende machte er Karriere in Talk-Shows. Heute wird er 80

Hermann Rudolph

Den größten Teil seines aktiven Lebens war er der „Mann ohne Gesicht“. Dieses Manko hat Markus Wolf, der langjährige Chef des West-Spionage der DDR, wirkungsvoll ausgeglichen, nachdem das Regime, dem er diente, zusammengebrochen war. Seither hat er eine bemerkenswerte zweite Karriere als Autor, Interview-Partner und Talk-Gast gemacht. Anfangs, sogleich nach der Wende, umständehalber auch als Angeklagter und Moskau-Flüchtling.

Die Justiz hat dem Generaloberst und Stellvertreter von Stasi-Chef Erich Mielke, den man auf den inzwischen zugänglichen Aufnahmen in schicker Uniform neben den anderen Stasi-Größen posieren sehen konnte, nichts anhaben können – da sei der Rechtsstaat vor. Um so erfolgreicher hat Markus Wolf an seinem Bild als Gentleman-Geheimdienstler gearbeitet: immer Profi, Chef einer Elitetruppe, von der Wühl- und Repressions-Arbeit der Staatssicherheit unberührt.

Dass er als Spionage-Chef erfolgreich war, lässt sich nicht in Zweifel ziehen. Seine Darstellung dieser Tätigkeit dagegen sehr. Die Frage nach seiner Mitverantwortung für die Stasi hat er stets beschönigend-formelhaft abgewehrt. Auch zur Erklärung des fatalen Menschenversuchs namens DDR und des Kommunismus hat er trotz zweier Erinnerungsbände so gut wie nichts beigetragen. Geschweige denn, dass er irgendeine Schuld eingeräumt oder eine seiner Entscheidungen bereut hätte. Dieser hochintelligente, gebildete Mann ist jeder tiefer gehenden Auseinandersetzung mit dem Desaster der Bewegung, die ein halbes Jahrhundert unserer Geschichte mitbestimmt hat, schuldig geblieben. Stattdessen formulierte er lediglich die wohlfeile Klage über die stalinistischen Verformungen der DDR, beharrte auf der trotzigen Verteidigung eines leider gescheiterten historischen Experiments und das immer mit einer gehörigen Portion Selbstgerechtigkeit.

Markus Wolf ist mit dieser Haltung ein Zeuge dafür, wie tief und unauflösbar die Imprägnierung durch die kommunistische Ideologie in dem Jahrhundert des Weltbürgerkriegs gegangen ist. Zugleich ist er ein Beispiel für ein historisch gewordenes Phänomen – für die Wirkung, die die totalitäre Versuchung einst gerade im bürgerlichen Bildungs-Milieu hatte.

Der Vater war der jüdische Arzt und Theater-Autor Friedrich Wolf, Kommunist aus tiefer Überzeugung. Markus Wolfs Biographie – wie die seines Bruders, des bedeutenden Film-Regisseurs Konrad Wolf – ist geprägt durch diese Herkunft: Emigration in die Sowjetunion, dort Besuch der Schulen, die die künftigen Kader ausbilden sollten, 1945 Rückkehr nach Deutschland mit den ersten KPD-Mitgliedern, nach Stationen im Rundfunk und im Staatsapparat seit 1952 im Geheimdienst. Dass er 1986 aus dem Staatssicherheitsdienst ausschied, hatte sicher auch mit seiner Sympathie mit der Reformpolitik Gorbatschows zu tun. In der Wendezeit exponierte er sich deutlicher und war auch an der Umgründung der SED zur PDS beteiligt – wie immer im Hintergrund. Einmal trat er vor die Öffentlichkeit: bei der berühmten Kundgebung am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz, in der sich der Wunsch nach Wandel massiv meldete: Da wurde er ausgebuht. An diesem Sonntag wird Markus Wolf 80 Jahre alt.

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