Politik : Der Sprengstoffanschlag wurde nur knapp verhindert - Die Spur führt nach Tschetschenien

Elke Windisch

Moskau ist gestern einem neuerlichen Sprengstoffanschlag nur knapp entgangen. Auf dem Flughafen Scheremetjewo-1, wo vor allem der Flugverkehr mit den GUS-Staaten und innerhalb Russlands abgewickelt wird, wurde am frühen Morgen auf dem Fenstersims des Flugtrainingszentrums ein Sprengsatz entdeckt. Eine Explosion hätte verheerende Wirkung gehabt. Mehrere Maschinen wurden gerade betankt. Auf dem Gelände des Flughafens befinden sich außerdem große Lager mit Flugbenzin, das durch Funkenflug in Brand geraten kann.

Der Sprengsatz - etwa 200 Gramm Dynamit - war in einem Behälter mit konzentrierter Schwefelsäure untergebracht, in dem sich eine Granate befand. Als Zeitzünder diente ein Stück Polyäthylen. Dieses sollte sich in der Säure auflösen und die Explosion herbeiführen. Derartige Konstruktionen, so erste Kommentare der Ermittler, seien bei Attentaten in Russland bislang nicht verwendet worden. Der Täter sei ein Profi gewesen, hätte jedoch nicht berücksichtigt, dass die niedrigen Temperaturen - in Moskau herrschen gegenwärtig Nachtfröste zwischen 8 und 10 Grad - die chemische Reaktion verzögern würden.

Der russische Inlandsgeheimdienst FSB hat bereits ein Strafverfahren wegen Terrorismus eingeleitet. Bei der Suche nach den Attentätern und deren Motiven tappen die Beamten bislang weitgehend im Dunkeln.

Beobachter schließen jedoch nicht aus, dass tschetschenische Extremisten den Anschlag planten. Tschetschenenpräsident Aslan Maschadow hatte Moskau im Februar nochmals aufgefordert, die Kampfhandlungen unverzüglich einzustellen und Verhandlungen über eine politische Lösung des Konflikts gefordert. Sollten diese nicht zu Stande kommen, so Maschadow aus dem Untergrund, drohe der "totale Partisanenkrieg auf dem gesamten Hoheitsgebiet der Russischen Föderation".

Der missglückte Anschlag könnte das Signal zu dessen offiziellem Beginn sein. Am Tag zuvor war bekannt geworden, dass Vermittlungsversuche, wie sie die Präsidenten mehrerer nordkaukasischer Teilrepubliken inoffiziell im Auftrag des Kremls geführt hatten, an der Unvereinbarkeit der Positionen vorerst gescheitert sind. Unmittelbar danach flammten auch in Tschetschenien selbst die Kämpfe zwischen Regierungstruppen und Separatisten wieder auf, die kurz vor den Präsidentenwahlen merklich abgeflaut waren. Die Rebellen verlassen jetzt in kleinen Gruppen ihre Stellungen in den Bergen, um die Russen tief in deren eigenem Hinterland mit Überfällen und Diversionsakten zu zermürben.

Am Mittwoch und in der Nacht zum Donnerstag wurden in den nach russischen Angaben längst "befreiten" Gebieten - bei Grosny und in der Nähe der Grenze zu Dagestan - Militärkolonnen in einen Hinterhalt gelockt und überfallen. Versuche, sie zu entsetzen, misslangen. Bei der Operation an der dagestanischen Grenze wurden mindestens zwei Russen getötet, 32 weitere gelten bisher als vermisst. Einer der fünf Überlebenden sprach gegenüber Korrespondenten der russischen Tagesteitung "Kommersant" von einem "regelrechten Gemetzel".

Zwar werden Kämpfe und Verluste in den offiziellen Verlautbarungen der russischen Armeeführung nicht erwähnt. Die Armee habe ihre Schuldigkeit getan, hieß es in einem Kommuniqué kurz vor den Wahlen. Jetzt gelte es lediglich, "vereinzelte Gruppen von Terroristen" unschädlich zu machen. Das indessen sei Sache der Polizei. Wie ernst die Lage wirklich ist, beweist jedoch, dass der amtierende Oberbefehlshaber der Front, General Baranow, die Operation an der dagestanischen Grenze persönlich leitet.

Wladimir Putin und dessen bevollmächtigter Vertreter für Tschetschenien, Nikolaj Koschman, erörterten unterdessen Möglichkeiten, Tschetschenien für zwei Jahre direkt dem russischen Präsidenten zu unterstellen. Das Vorhaben ist juristisch heikel. Dazu müsste in Tschetschenien der Ausnahmezustand ausgerufen werden. Das aber will Moskau unbedingt vermeiden, weil dann die Fiktion von einer Anti-Terror-Operation nicht mehr aufrecht zu erhalten ist.

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