Politik : Der stählerne Lord

Richter Brian Hutton untersucht den Fall Kelly. Er gilt als unabhängiger Kopf

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Gerades Kreuz, silberne Schläfen, zwei tiefe Furchen über der Nase und die Lippen entschlossen aufeinander gepresst – solche Männer, so sagt man, haben für England einst ein Empire erobert. Brian Hutton ist so einer. Lange stand er als höchster Richter Nordirlands auf der Abschussliste der IRA. Jetzt steht er mit 72 Jahren plötzlich im Mittelpunkt der schwersten Krise der Regierung Blair. Der Lord soll herausfinden, warum der Waffenexperte David Kelly am vergangenen Donnerstag zu einem Aussichtspunkt spazierte, Schmerzmittel nahm und sich die Pulsadern aufschnitt.

Anders als von der Opposition gefordert, hat Hutton von Blair nicht das Recht erhalten, Zeugen einzubestellen, sie unter Eid zu vernehmen oder Geheimdokumente einzusehen. Außerdem soll sich Hutton nur mit den direkten Umständen von Kellys Tod beschäftigen und nicht mit der offiziellen Rechtfertigung des IrakKrieges. Er selbst stellte jedoch gleich zu Beginn seiner Arbeit klar, er allein entscheide, was er untersuche. Blairs Replik aus dem fernen China kam umgehend: „Es ist wichtig, dass er (Hutton) das tut, worum wir ihn gebeten haben. Ich glaube nicht, dass es sinnvoll wäre, irgendetwas darüber hinaus zu tun.“ Nun spekuliert die britische Presse darüber, inwieweit sich Hutton dem Premier widersetzen könnte.

Als sicher gilt, dass Hutton keine ausführliche Prüfung der von Blair angeführten Kriegsgründe vornehmen wird. Aber gängeln lassen wird sich der Mann, den die „Times“ als „very steely“ (sehr stählern) beschreibt, sicher auch nicht. Unbefangenheit geht ihm über alles. So kritisierte er 1999 Lordrichter Hoffmann, weil dieser den Fall des in London festgesetzten Ex-Diktators Augusto Pinochet mitbehandelt hatte, ohne über seine Verbindungen zu Amnesty International Auskunft zu geben.

Gut vorstellbar ist, dass Huttons Abschlussbericht so viele Fragen aufwirft, dass sich Tony Blair einer umfassenderen richterlichen Untersuchung zu den Hintergründen des Irak-Krieges nicht entziehen kann. Dann hätte der stählerne Lord auf seine alten Tage noch große Politik gemacht. dpa

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