Politik : Der stille Nachbar

China hält sich in der Atomkrise zurück, weil es eine Wiedervereinigung ablehnt

Harald Maass[Peking]

Als sich der Atomstreit mit Nordkorea vergangene Woche einem neuen Höhepunkt näherte, hat US-Präsident George W. Bush persönlich zum Telefon gegriffen. Nicht etwa, um mit Pjöngjangs Diktator Kim Jong Il zu verhandeln. Der Anruf ging nach Peking: Bush versuchte Chinas Staatschef Jiang Zemin zu überzeugen, dass er Nordkoreas Führung zur Besinnung rufen möge.

Washington baut in der Atomkrise auf die Unterstützung Chinas. Am Dienstag machte der US-Sondergesandte James Kelly Station in Peking, um mit China das weitere Vorgehen abzustimmen. China bot sich dabei als Gastgeber für ein Gespräch der USA mit Nordkorea an. „Wenn die beteiligten Seiten einen Dialog in Peking halten möchten, hätten wir keine Probleme damit“, sagte Außenamtssprecherin Zhang Qiyue in Peking.

China ist der letzte Verbündete des nordkoreanischen Regimes und für viele der Schlüssel für eine Lösung des eskalierenden Atomstreits. Seit Pjöngjang im Oktober einer US-Delegation die Existenz eines auf Uran basierenden Nuklearprogramms eingestand, bemühten sich die USA – zunächst zurückhaltend – darum, dass China wirtschaftlichen und politischen Druck auf Nordkorea ausübt. Als Peking auswich, wurden die USA deutlicher. Kurz vor Weihnachten marschierten Diplomaten aus der US-Botschaft und der britischen Vertretung ins Pekinger Außenministerium und hielten China vor, absichtlich untätig zu bleiben. Den verblüfften Chinesen blieb nichts anderes, als den Gästen „noch etwas Tee“ anzubieten, wie ein Teilnehmer des Gesprächs berichtete.

Peking hält sich bisher aus der Krise heraus. Während andere Nachbarstaaten den Austritt Pjöngjangs aus dem Atomwaffensperrvertrag scharf verurteilten, äußerte Peking nur vorsichtige Sorge. Ein Dialog zwischen den USA und Nordkorea sei „der wirksamste Weg, um das Problem anzugehen“, sagte Staatschef Jiang Zemin im Telefonat mit Bush. Chinesische Diplomaten bemühen sich, zu beweisen, dass auch Peking keinen Einfluss mehr auf Pjöngjang habe.

Das stimmt so nicht ganz: Zwar lässt sich Pjöngjang nicht mehr wie früher von China die Politik diktieren. Dennoch hat Peking weiter großen Einfluss. Als einziges Land unterhält China einen regelmäßigen Kontakt zu Nordkoreas Führungsspitze. Südkoreanische Experten gehen davon aus, dass Peking seit den neunziger Jahren heimlich große Mengen Rohöl und Nahrungsmittel nach Nordkorea schickte, und das hungernde Land vor dem Kollaps bewahrte. „Pjöngjang ist wirtschaftlich und politisch abhängig von Peking“, sagt ein südkoreanischer Diplomat.

Hinter Pekings Zurückhaltung stecken politische Ziele. Im Gegensatz zu den USA hat Peking kein Interesse am Zusammenbruch des Regimes in Pjöngjang oder gar einer koreanischen Wiedervereinigung, die US-Truppen bis an die chinesische Grenze in Yanbian bringen könnte. Die Teilung Koreas sichert China bislang Einfluss auf beide koreanische Landeshälften. Allerdings gibt es für Washington durchaus eine Chance, China einzubinden. Auch Peking will unter allen Umständen verhindern, dass Nordkorea zu einer Atommacht aufsteigt.

Warum also schaut Peking der Krise bisher so gelassen zu? Möglicherweise ist man in China nicht davon überzeugt, dass Pjöngjang kurz vor der Fertigstellung einer einsatzfähigen Atomrakete steht. Pekings Führer sollten es eigentlich wissen. Bis in die achtziger Jahre waren es chinesische Militärberater, die Nordkorea bei der Entwicklung seiner Raketentechnik unterstützten.

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