Politik : „Der Stoff heute ist härter“

Die Drogenbeauftragte warnt vor der Verharmlosung von Haschisch – und fordert gemeinsame Haltung Europas

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Sie kommen gerade vom Jahrestreffen der UNDrogenkommission in Wien zurück. Was sind die Ergebnisse?

In diesem Jahr stand das Thema Aids-Prävention im Mittelpunkt. Ich bin froh, dass in einer Resolution auf die guten Ergebnisse verwiesen wird, die wir mit der Abgabe von Spritzen und Methadon an Drogenabhängige gemacht haben: dass man damit Infektionsraten runterbringen kann. Das zeigt, dass unser Politikansatz ein Stück weit unterstützt wird.

Ist Deutschland in der Drogenpolitik für andere Länder Vorbild?

Das Interesse an unserer Aids-Prävention ist sehr stark. Aber das Thema sorgt auch für Kontroversen. So ist die Abgabe von Spritzen in der Russischen Föderation nicht erlaubt. Auch Drogeninjektionsräume, wie sie die Niederländer, die Australier, die Schweizer und wir anbieten, sehen viele mit Skepsis. Allerdings ist inzwischen die Emotion draußen. Da wird gesagt, wir warten das ab, legt uns mal eure Ergebnisse vor. Die Offenheit hat zugenommen, auch bei den Amerikanern. Die Unterscheidung zwischen Erzeuger-, Transit- und Konsumländern ist überholt. Erzeugerländer sind auch Konsumländer. Und man kommt weg von der Strategie: Bekämpft den Anbau, und ihr habt das Problem gelöst. Man muss auch die Nachfrage bekämpfen durch Prävention, Information und Aufklärung. Und auch Überlebenshilfen können Bestandteil einer effizienten Drogenpolitik sein. Es ist viel gewonnen, wenn die alten Fronten aufweichen.

Nach dem Afghanistan-Krieg war man sehr optimistisch, auch den Opium-Anbau dort eingrenzen zu können. Inzwischen gibt es keinen Anlass mehr zu solchem Optimismus.

Das ist richtig. 50 Prozent der afghanischen Volkswirtschaft leben inzwischen direkt und indirekt vom Drogenhandel. Daher ist es wichtig, Anbaualternativen zu entwickeln und die Kontrollen zu verstärken. Beides muss Hand in Hand gehen.

In Europa steigt der Cannabis-Verbrauch. Korrespondiert das wenigstens mit einem Rückgang der harten Drogen?

Uns macht vor allem Sorge, dass das heute angebotene Cannabis wesentlich mehr THC- Wirkstoff enthält als noch vor einigen Jahren. Das heißt: Der Stoff selbst ist härter, und die Konsummuster der Jugendlichen werden es auch. Deshalb warne ich immer davor, das Thema zu verharmlosen. Wir haben zunehmend Probleme mit jungen Menschen, die Cannabis-Abhängigkeiten entwickeln. Wo Cannabis-Rauchen Teil des täglichen Lebens und der Lebensbewältigung wird und die Jugendlichen antriebslos werden und abhängig, wird der Konsum zum Problem. Wir müssen da auch in Europa zu einer gemeinsamen Haltung finden.

Gibt es neue Drogentrends?

Wir sehen weltweit eine Zunahme synthetischer Drogen. Das hat damit zu tun, dass sie billig herzustellen und die Vorläufersubstanzen schwer zu kontrollieren sind. Die UN haben deshalb deutlich gemacht, dass man auch die Vorläufersubstanzen kontrollieren muss. Hier sind alle Staaten aufgerufen. Abnehmende Trends gibt es beim Heroin. Das ist in ganz Europa so. Aber wenn das Heroinangebot durch die Rekordernte in Afghanistan steigt, wird der Stoff wieder billig. Und dann wird auch verstärkt versucht, ihn an den Mann oder die Frau zu bringen. Hier ist erhöhte Alarmbereitschaft notwendig.

Was könnte Deutschland denn von der Drogenpolitik anderer Länder übernehmen?

Die USA haben sehr gute nationale Kampagnen, die sich speziell an Jugendliche richten. Bei der Aids-Prävention machen die Schweizer eine sehr gute Politik. Und bei den Schweden sind die Therapieangebote sehr gut. Generell finde ich, Drogenpolitik darf nicht ideologisch überfrachtet werden. Man muss immer gucken, welche Ideen zu dem jeweiligen Land und dem jeweiligen Kulturkreis passen. Aber man kann voneinander lernen.

Wird das Thema Aids-Prävention jetzt auch zum Schwerpunkt Ihrer Drogenpolitik?

Bei uns war es das schon immer. Aids-Prävention muss aber noch stärker in den Mittelpunkt gerückt werden, wenn sich die Zuwachsraten in Osteuropa bestätigen. Dort gibt es den höchsten Zuwachs an Neuinfektionen – und der gemeinsame Spritzengebrauch ist eine der Ursachen. Der HIV-Virus verbreitet sich so unter Drogenabhängigen. Frauen beschaffen sich das Geld für Drogen über Prostitution. Und darüber gelangt das Problem dann in die Gesamtbevölkerung.

Also kostenlos Spritzen verteilen . . .

Deshalb ist mir die Resolution so wichtig. Bislang gab es ja eine ideologische Sperre gegen die Spritzenabgabe. Und das Zweite ist: Wer Methadon schluckt, spritzt nicht mehr . Ich bin froh, dass auch das Thema Substitution inzwischen ernster genommen wird. Bei uns sind Drogenabhängige dadurch längst nicht mehr so stark an der Aids-Ausbreitung beteiligt wie in anderen Ländern.

Das Gespräch führte Rainer Woratschka

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