Politik : Der Streit der Kulturen

Von Werner van Bebber

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Schön, dieser Streit um die Islamkonferenz. Bevor Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble zum zweiten Treffen mit Vertretern der Muslime in Deutschland lud, stritt er mit Repräsentanten des neuen Koordinierungsrates über deren Anspruch, für so ziemlich alle Muslime zu sprechen. Die türkischstämmige SPD-Abgeordnete Lale Akgün haderte mit Schäubles Anspruch, den Dialog auf der Bundesebene voranzubringen und forderte mehr Engagement in den Ländern. Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu verlangte, dass eine junge Muslima mit Kopftuch und Selbstbewusstsein in die Islamkonferenz zu berufen sei. Necla Kelek, heftige Kritikerin all dessen, was man patriarchalischen muslimischen Konservatismus nennen könnte, gab Zaimoglu recht – die Frauenrechtlerin und Anwältin Seyran Ates widersprach ihm.

Das Schöne an diesen Streitereien ist: Sie zeigen, dass der Dialog der Kulturen funktioniert, dass er vorankommt. Und das ist nicht wenig in einem Land, dessen angestammte Bewohner sich erst langsam mit der Erkenntnis vertraut machen, in einem Einwanderungsland zu leben. Politiker gleich welcher demokratischen Partei bestreiten das nicht mehr – und sind wohl ausnahmsweise mal weiter als viele Bürger. Die müssen sich erst daran gewöhnen, dass es in den großen Städten eine neue Art von Bi-Kulturalität gibt: mit der türkischen Bank, dem türkischen Reisebüro und dem türkischen Altenpflegedienst, deren Namen ganze Straßenzüge dominieren – Gegenden, in denen viele Frauen Kopftuch tragen und die Umgangssprache auf der Straße mehrheitlich türkisch ist. Sie müssen sich an große Moscheen gewöhnen und daran, dass der Staat eine Menge Steuergelder dafür ausgibt, Einwandererkindern Deutsch beizubringen.

Parallel dazu gibt es einen zweiten Lernprozess. Den durchlaufen die Einwanderer, manche langsam, andere schneller. Sie erkennen, dass sich auch ihre Herkunftskultur hier verändern muss. Das beginnt bei den Rechten der Kinder auf eine gewaltfreie Erziehung und auf eine Schulbildung, die Integration erst möglich macht. Es endet bei der Debatte über den Euro-Islam. Die Gegensätze sind immer noch groß. Da outen sich Angehörige der Berliner Ahmadiyya-Gemeinde, die mit viel politischer Unterstützung ein umstrittenes Moschee-Vorhaben verwirklichen wollen, als Anhänger der These, der Verzehr von Schweinefleisch befördere die Homosexualität. Da kommen kurz vor der Islamkonferenz konservative Muslime mit der Forderung nach getrenntem Sportunterricht für Jungen und Mädchen.

In absehbarer Zeit wird es in Deutschland ausgebildete Islamlehrer geben und selbstbewusste Trägerinnen hochmodischer Kopftücher, die sich von ihren heranwachsenden Töchtern sagen lassen müssen, warum sie im freien Westen lieber nach westlichen Vorstellungen leben. Es stimmt, was Schäuble sagt: Der Islam ist aus Deutschland nicht mehr wegzudenken. Er hat – darauf kann er stolz sein – den Dialog mit den Muslimen weiter vorangebracht als alle Multikultischönredner der Grünen oder der Sozialdemokratie. Ein Ergebnis hat die als Prozess gedachte Konferenz schon jetzt. Sie befördert die Erkenntnis, dass ein selbstbewusstes Sich-Einlassen auf den Streit der Kulturen mehr bringt als jedes aufgepumpte Gerede über eine Leitkultur. Nur der offene, sich der eigenen Werte und der eigenen Freiheiten bewusste Streit macht klar, was in diesem Land Leitkultur war und ist und bleiben soll.

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