Der Streit um ein selbstbestimmtes Lebensende : Bis zur letzten Stunde

Freiheitsrecht oder Mord? Sterbebegleitung ist endlich ein Thema - aber noch immer bleiben 87 Prozent der Betroffenen vor dem Tod ohne Hilfe. Doch es tut sich auch einiges.

Rainer Woratschka

BerlinWer sich in der aktuellen Debatte über Sterbehilfe erregt, muss, um glaubwürdig zu sein, etwas fordern: bessere Pflegeheime, mehr Unterstützung für Angehörige, kompetentere Schmerzmedizin, mehr Sterbebegleitung. Das wissen die Politiker, das „ceterum censeo“ fehlt weder bei Ministerin Ulla Schmidt noch bei ihren Kritikern. Dabei können sie auch auf Erfolge verweisen. Mit der Pflegereform soll die Heimpflege endlich transparenter werden. Pflegende Angehörige dürfen im Job pausieren, wenn auch unbezahlt. In 25 Jahren entstanden mehr als 300 Hospize und Palliativstationen in Krankenhäusern. Und seit April 2007 gibt es einen gesetzlichen Anspruch auf ambulante Palliativmedizin, also medizinische Versorgung, bei der es nur noch um Schmerzlinderung geht. Das Dumme daran: Es reicht alles noch nicht. Und der Anspruch auf ambulante Hilfe steht bisher nur auf dem Papier. Von der angekündigten flächendeckenden Versorgung ist auch nach 15 Monaten nichts zu sehen.

Es sei ärgerlich, dass die Selbstverwaltung noch immer über Richtlinien diskutiere und nun auch noch versucht werde, „den schwarzen Peter auf die Länder- und Regionalebene weiterzureichen“, sagt Thomas Schindler, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin. Immer mehr Menschen wollten keinesfalls in Heim oder Klinik sterben, sondern zu Hause. Doch in der ambulanten Palliativmedizin ist es bisher bei einigen wenigen Modellprojekten und Einzelinitiativen geblieben. Und die Betreuung finde sich auch in keiner ärztlichen Gebührenordnung. „Hausärzte, die sich um Sterbende kümmern, machen das im Grunde ehrenamtlich“, sagt Schindler. Der immense Aufwand an Zeit und Zuwendung werde nicht bezahlt.

So sind Schmerzlinderung und Sterbebegleitung in Deutschland immer noch der Ausnahmefall. Nach Angaben der Deutschen Hospizstiftung wurden im Jahr 2007 von rund 820 000 Verstorbenen rund 6,2 Prozent ehrenamtlich begleitet – 3,1 Prozent zu Hause, 1,7 Prozent im Pflegeheim und 1,4 Prozent im Klinikum. In stationären Hospizen wurden 2,2 Prozent betreut. Und Palliativstationen kamen auf einen Anteil von 4,1 Prozent.

Im Ergebnis heißt das: 87,4 Prozent der Verstorbenen blieben im vergangenen Jahr ohne solche Hilfe. „Für die Betroffenen sind diese Ergebnisse eine Katastrophe“, sagt Stiftungsgeschäftsführer Eugen Brysch. Gehe die Entwicklungsgeschwindigkeit weiter wie bisher, blieben auch nachfolgende Generationen „völlig unterversorgt“.

In Sachen Palliativmedizin immerhin zollt Brysch der Politik Lob. Mit dem Rechtsanspruch auf ambulante Hilfe werde der Versorgungsgrad in den nächsten Jahren auf gut zehn Prozent ansteigen, prognostiziert er. Nötig seien allerdings 40 Prozent. Die naive Vorstellung, die psychosozialen und medizinischen Herausforderungen seien „allein durch die Kraft der vielen ehrenamtlichen Helfer zu lösen“, müsse „endlich ausgeträumt sein“. Um die Patienten bedarfsgerecht versorgen zu können, müssten die gesetzlichen Kassen 0,5 Prozent ihrer Gesamtausgaben für Palliativmedizin verwenden, fordert Schindler. Das wären pro Jahr 630 Millionen Euro. Bisher fließen gerade einmal 150 Millionen.

In ihrer Höhe mögen solche Verbandsforderungen strittig sein. Tatsache ist, dass sich Hausärzte angesichts der demografischen Entwicklung immer stärker um Krebskranke, Multimorbide, Demente und Sterbende zu kümmern haben. Ein Pflichtfach für Medizinstudenten ist die Schmerzmedizin aber bisher nur an fünf Universitäten – dort, wo es auch entsprechende Lehrstühle gibt. Bonn, Aachen, Köln, München, Göttingen: Die Professuren seien allein „potenten Stiftern“ zu verdanken, sagt Schindler. Die Länder hielten sich hier bisher komplett heraus.

Doch es tut sich auch einiges. Der Ärztetag hat schon 2003 eine eigenständige „Zusatz-Weiterbildung Palliativmedizin“ ermöglicht. Und auch in Pflegeheimen gibt es Initiativen. Jüngstes Beispiel: Die Arbeiterwohlfahrt will in einem Modellprojekt 240 Pflegekräfte zu sogenannten „Palliative Care“- Fachkräften ausbilden. In zunächst 120 Einrichtungen sollen Standards für palliative Pflege- und Sterbebegleitung entwickelt werden. Wenn man die Würde der Menschen auch am Lebensende ernst nehme, müsse man endlich handeln, mahnt Brysch. „Sonst gibt es keine überzeugenden Konzepte gegen aktive Sterbehilfe und assistierten Suizid.“

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