Politik : Der Tag danach: Nato ruft erstmals den Bündnisfall aus

Lars von Törne

Als Reaktion auf die verheerenden Terroranschläge auf die USA hat die Nato erstmals in ihrer Geschichte den kollektiven Verteidigungsfall festgestellt. Voraussetzung für die Anwendung von Artikel 5 des Bündnisvertrags sei, dass die Terrorakte in den USA vom Ausland aus vorbereitet worden seien. Bundeskanzler Schröder erklärte, Deutschland werde den USA bei einer Antwort auf die Anschläge auf der Basis des Nato-Beschlusses Beistand leisten. Nach TV-Berichten fordern die USA von Afghanistan ultimativ die Auslieferung des mutmaßlichen Terroristen bin Laden, dem Haupttatverdächtigen. Indessen wurden am Nachmittag in New York Bewohner mit arabischem oder asiatischem Aussehen offenbar Opfer von Rachefeldzügen.

Am Tag zuvor waren zwei entführte Flugzeuge auf das World Trade Center in New York und eins auf das Pentagon in Washington geprallt.

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Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige Nato-Generalsekretär Robertson sagte, zum gegenwärtigen Zeitpunkt sei die Nato-Entscheidung ein "Akt der Solidarität" mit den USA. Nach Angaben aus Nato-Kreisen wurde eine militärische Intervention im Bündnis nicht diskutiert. Wurden die Anschläge aus dem Ausland gesteuert, könnten sich die USA jetzt auf das Prinzip "einer für alle" und "alle für einen" berufen und auf die Unterstützung der Allierten bei einem Militäreinsatz zählen.

Bundeskanzler Schröder betonte am Mittwochabend in Berlin, angesichts der schwerwiegenden Terrorangriffe habe Deutschland seine volle Solidarität auf der Grundlage des von der Nato festgestellten kollektiven Verteidigungsfalles erklärt. Der Vertrag schreibt in einem solchen Fall den Beistand aller Mitglieder einschließlich militärischer Maßnahmen vor. Der Kanzler unterstrich, dass über Inhalt und Ausmaß eines möglichen deutschen Beitrags in eigener deutscher Verantwortung zu entscheiden sei.

Schröder teilte mit, dass er am Nachmittag mit US-Präsident George W. Bush telefoniert habe. Bushs Bereitschaft zu Konsultationen mit den Bündnispartnern stehe außer Frage. Man werde sich weiter eng abstimmen. Die deutsche Zustimmung zu dem Nato-Beschluss erfolgte laut Schröder auf der Grundlage eines Beschlusses des Bundessicherheitsrates. Die Partei- und Fraktionsvorsitzenden seien informiert worden.

Für Deutschland sieht die Bundesregierung keine aktuelle Bedrohung durch terroristische Anschläge. Dies könne sich aber ändern, sobald die USA mit einem Gegenschlag auf die Angriffe reagierten, sagte Bundesinnenminister Otto Schily (SPD). Einen solchen Gegenschlag erwarten die Verantwortlichen in der Bundesregierung: "Auch ich gehe davon aus, dass die USA diese Anschläge nicht unbeantwortet lassen werden", sagte Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier nach der Sitzung des Bundessicherheitsrates.

Bush hatte den Angriff zuvor als eine Kriegshandlung bezeichnet: "Die USA werden alle Ressourcen einsetzen, um den Feind weltweit zu besiegen", sagte er in einer Fernsehansprache. Zu den Zielen der Anschläge gehörten nach Regierungsangaben auch das Weiße Haus sowie das Präsidentenflugzeug Air Force One. Das Flugzeug, das auf das Pentagon gestürzt sei, habe wahrscheinlich das Weiße Haus als Ziel gehabt, sagte ein Sprecher des Nationalen Sicherheitsrates.

Im Sperrbereich rund um den Ort der Katastrophe lag nach Krankenhausangaben noch immer eine "enorme Zahl von Toten". Der New Yorker Bürgermeister Rudolph Giuliani befürchtete "tausende Tote", der demokratische Abgeordnete Jim Moran sprach gar von 10 000 Toten allein in New York. Nach den Worten Giulianis sind bislang nur weniger als zehn Überlebende geborgen worden, unter ihnen zwei Polizisten. Unter den Trümmern des Pentagon könnten bis zu 800 Tote liegen. Am Nachmittag wurde das Gebäude erneut evakuiert, weil sich das Feuer ausbreitete.

Darüber hinaus berichtete Giuliani von Anzeigen arabisch und asiatisch aussehender Bürger, die Opfer von Rachefeldzügen geworden seien. Er warnte die Einwohner vor derartigen Angriffen, die bloß den Terroristen in die Hand spielten.

Besondere Hoffnungen legen die Ermittler in die Black-Box-Rekorder der Flugzeuge, auf denen die Gespräche in den Cockpits aufgezeichnet werden.Die Geheimdienste der USA, Großbritanniens, Frankreichs, Israels und Deutschlands wollen Hinweisen dafür haben, dass der arabische Terrorist Osama bin Laden hinter dem Angriff steht. Bin Laden beglückwünschte die Urheber der Terroranschläge in den USA, wies aber selbst jede Beteiligung zurück. Afghanistan bot den USA Gespräche über eine mögliche Auslieferung des in Afghanistan lebenden Osama bin Laden an. "Wir sind bereit, mit den Vereinigten Staaten über das Schicksal von Osama bin Laden zu verhandeln, aber die USA müssen uns zuerst genügend Beweise gegen ihn übergeben", sagte der Taliban-Botschafter in Pakistan, Mullah Abdul Salam Saif, am Mittwoch.

Die Bundesregierung, die Europäische Zentralbank (EZB) und Volkswirte traten nach der Anschlagserie in den USA Befürchtungen über eine weltweite Wirtschaftskrise entgegen. Der DAX zeigte sich im Tagesverlauf mit starken Schwankungen weitgehend stabil.

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