Politik : Der Tag, der ein strahlender, heller Nullpunkt war Glück ist hinter dem Fluss

Erwin Wickert, Dieter Hildebrandt, Markus Wolf, Artur Brauner, Barbara Rütting, Ivan Nagel, Kurt Maetzig und Carola Stern beschreiben ihren 8. Mai 1945

Dieter Hildebrandt

Achter Mai 1945, 13 Uhr . Strahlend blauer Himmel. Wir standen auf der „richtigen“ Seite der Elbe in Tangermünde. Geschafft. Im Morgengrauen hatte mir mein Kompaniechef geraten, mich auf den Weg zur Elbe zu machen. Es könnte sein, meinte er, dass die letzten Kilometer bis zum Notsteg im Sturmschritt bewältigt werden müssen, wenn wir nicht von den russischen Panzern eingeholt werden wollen. Ich hatte seit drei Tagen hohes Fieber. Letzter Stand 39,6. Zwischen uns und dem Flussufer lag heftiges Sperrfeuer. „Lauf zu!“ sagte er, „und lass dich nicht von den SS-Streifen erwischen!“ Nach einer Stunde hatte ich mich verlaufen. Der Notsteg lag ein paar Kilometer von mir entfernt, als ich den Ort Fischbeck vor mir sah.

Hier hatte eine ganze Armee von 20000 Mann in panischer Hast Waffen, Geschütze, Fahrzeuge, Munition, Uniformen, Berge von Gasmasken, ja sogar einen ganzen LKW voller Geld verstreut, aber auch ihre Verwundeten liegen gelassen. Man hörte Schreien, Stöhnen. Leichen ohne Köpfe lagen herum. Und noch immer dröhnte die Erde von Einschlägen der russischen Granaten. Dann stand ich am Ufer der Elbe. Meine Krankheit hatte mich vermutlich zu einer Wurschtigkeit verholfen, die mich zu dem Entschluss brachte, die Uniform abzulegen und über den Fluss zu schwimmen. Dort nahm mich ein freundlicher amerikanischer Soldat gemütlich in Gefangenschaft, besorgte mir trockene Sachen und führte mich zum Sammelplatz. Ich hatte kein Fieber mehr. Um ein Uhr mittags wurde es mit einem Schlage still. Kein Geschützfeuer mehr, keine Schüsse. Es wurde totenstill. Der Krieg war zu Ende. Wir schauten über den Fluss und waren glücklich.

Dieter Hildebrandt, geboren 1927, war 1943-1944 Luftwaffenhelfer in Berlin. Vier Monate Arbeitsdienst, dann wurde er zur Wehrmacht einberufen. Am 8. Mai gelangte er in amerikanische dann in englische Gefangenschaft. Er wurde einer der wichtigsten deutschen Kabarettisten

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Für die Japaner endete der Zweite Weltkrieg am 15. August 1945 – nach Hiroshima und Nagasaki; für uns Deutsche in Japan war es faktisch schon am 30. April zu Ende. An diesem Tag um 15 Uhr 30 beging Hitler in Berlin Selbstmord. In Tokio war es 23 Uhr 30.

Am nächsten Morgen beim Frühstück hörte ich von Radio San Francisco, ein norddeutscher Sender habe gemeldet, Hitler sei gestern in Berlin im Kampf gefallen. Es war mir auf einmal so leicht. Ich atmete ganz entspannt. Jetzt war keiner mehr da, der den Krieg fortsetzen konnte. Ich war damals Rundfunkattaché, fuhr sofort in die deutsche Botschaft. Wir waren alle erleichtert. Nein, nicht alle: Ich rief den Botschafter Stahmer an, der den Eindruck erweckte, er glaube immer noch an Hitler und den Endsieg. Er antwortete, die Nachricht eines Feindsenders sei für uns ohne Bedeutung.

Die Funkverbindung mit Berlin war schon seit vierzehn Tagen unterbrochen. Nur an einem der letzten Apriltage war ein verschlüsseltes Telegramm eingetroffen. Als ich das hörte, eilte ich zum Chiffrierbüro. Vielleicht bedeutete das den Waffenstillstand und das Ende der Bombenangriffe. Der Büroleiter las mir den Text vor. Das Telegramm war an den Gehilfen des Militärattachés, Major Karsch, gerichtet und teilte ihm mit, die Kinderbeihilfe für seine Tochter Mechthild falle seit dem 1. Februar weg.

Ich hatte eine kleine Abhörstation für Rundfunknachrichten außerhalb Tokios angelegt. In der Nacht zum 2. Mai empfing unsere Station zum ersten Mal einen deutschen Soldatensender auf Langwelle, und zwar den aus Oslo. Auch er berichtete von Hitlers Heldentod in Berlin. Ich sandte Stahmer am nächsten Morgen eine kurze Notiz. Er reagierte darauf nicht.

Einige Tage später erhielten wir über einen Sender der Kriegsmarine die Weisung des neuen Reichsaußenministers Schwerin von Krosigk, der japanischen Regierung mitzuteilen, dass Deutschland seine Pflichten als Bundesgenosse nicht mehr erfüllen könne und um Waffenstillstand nachsuchen müsse. Die japanische Regierung verwarf diese Erklärung, die Presse nannte uns Verräter.

Das Außenministerium untersagte der deutschen Botschaft jede weiter Tätigkeit. Der Polizeiattaché und SS-Führer Joseph Meisinger, der „Schlächter von Warschau“, aber setzte seine Zusammenarbeit mit der japanischen Geheimpolizei, der Kempeitai, fort, der er schon mehrere Landsleute überantwortet hatte. Die Botschaftsangehörigen standen unter dem Schutz diplomatischer Privilegien, die sie vor der japanischen Polizei schützte. Meisinger und Stahmer aber drohten, ihnen diese Rechte zu nehmen, so dass sie dem Zugriff der Kempeitai ausgesetzt wären.

Franz Krapf, derselbe, dem Bundesaußenminister Fischer in der Hauspostille des Auswärtigen Amts jetzt einen ehrenden Nachruf verweigert, und Kurt Lüdde-Neurath suchten sofort ohne Wissen des Botschafters unsere japanischen Freunde im Außenministerium auf und baten, Meisinger ausdrücklich jede politische Tätigkeit zu untersagen. Die Japaner aber hielten das für unmöglich, weil die Kempeitai das als Versuch ansehen würde, ihren Handlungsbereich zu beschränken. Und vor ihr hatten die japanischen Diplomaten ja selbst Angst.

Meisinger erfuhr später von Krapfs und Lüdde-Neuraths geheimen Alleingang und sagte im höchsten Zorn, man sollte die beiden Verräter sofort erschießen. Aber das ging dann doch nicht mehr.

Am 9. Mai, zehn Tage nach Hitlers Tod, hielt Botschafter Stahmer es führ angebracht, in der Deutschen Botschaft in Tokio eine „Gedenkstunde für den Kampf um Deutschland gefallenen Führer Adolf Hitler“ zu veranstalten. Die japanische Regierung war eingeladen, ließ sich aber nur durch die rangniedrigste Person, den stellvertretenden Protokollchef, vertreten. Das Programm lautete:

Richard Wagner: Siegfried-Idyll.

Gedenkrede des deutschen Botschafters.

„Ich hatt’ einen Kameraden“.

J. S. Bach: Air aus der Orchestersuite in D-Dur.

Abschiedsgruß an den Führer und Lieder der Nation.

Fahnenaufmarsch und Badenweiler Marsch.

Es spielten die Nippon Philharmoniker unter ihrem deutschen Dirigenten Helmut Fellmer.

Die Kunde von dieser bizarren Stunde sollte in der Geschichte nicht untergehen. Es war sicherlich die einzige offizielle Feier der Welt, in der Hitler nach seinem Tod ein ehrendes Gedenken gewährt wurde.

Erwin Wickert, geboren 1915, hat Kunstgeschichte und Philosophie, in den USA Volkswirtschaft und Politik studiert. Während des Kriegs war er im Auswärtigen Dienst (Schanghai und Tokio). Dann lebte er in Heidelberg als Autor bis er 1955 in die Diplomatie zurückkehrte.

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Ein wunderbarer Frühlingstag in Ludwigsfelde bei Berlin. Wir saßen im Luftschutzkeller. Hörten die ersten russischen Panzer über die Straße rattern, die ersten russischen Laute vor dem Haus – dann betrat der erste russische Soldat den Keller, in dem wir uns alle mit erhobenen Händen aufgestellt hatten. Er suchte uns nach Waffen ab und zielte zum Spaß mit seiner Maschinenpistole auf meine Großmutter, lachte dröhnend über unsere Angst und küsste meine kleine, damals dreijährige Schwester. Die Russen sind also gar nicht so schlimm, dachte ich ziemlich erleichtert. Umso mehr, als ich dann durch das Kellerfenster spähte – eine junge Soldatin mit semmelblonden Zöpfen und ein ebenfalls junger schwarzhaariger Soldat sprangen über unser Tulpenbeet, um die Blumen nicht zu zertreten.

Das war die erste Begegnung des 17-jährigen von einem Nazivater erzogenen Jungmädels, das noch immer an den „Führer“ glaubte, mit „unseren Feinden“.

Barbara Rütting, geboren 1927, ist Schauspielerin, Autorin, Gesundheitsberaterin, Tierschützerin und ging 2003 für die Grünen in den bayrischen Landtag.

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Zur Feier des Sieges wurden am 9. Mai in Moskau 24 Salutschüsse abgefeuert. Wir standen in einer riesigen Menge in der Nähe des Kreml, natürlich war das ein freudiger Augenblick, für meine Eltern und mich bedeutete das nach zwölf Jahren Exil die Rückkehr nach Deutschland. Aber vielen Menschen um uns herum standen Tränen in den Augen, fast jede Familie in Russland hatte ja große Verluste hinnehmen müssen.

Ich bin am 25. Mai zusammen mit anderen Antifaschisten in einer sowjetischen Militärmaschine nach Berlin gekommen, das war das erste Flugzeug, das in Tempelhof gelandet ist. Ich erinnere mich an einen herrlichen, sonnigen Maientag. Und den gesamten Flug über, von kurz hinter Moskau bis Berlin haben wir am Boden die vom Krieg umgepflügte, aufgewühlte Landschaft wahrgenommen.

Das Bild des völlig zerstörten Warschaus – wir hatten dort eine Zwischenlandung – ist mir unvergessen. Aber Berlin machte aus der Vogelperspektive einen ähnlich trostlosen Eindruck. Selbst bei den Häusern, die vielleicht ansonsten weitgehend intakt waren, waren ja die Ziegeldächer meist komplett abgedeckt, so dass man den Eindruck hatte, eine komplette Ruinenlandschaft zu überfliegen. Es war schon so, dass wir dachten, ein Wiederaufbau wird gar nicht möglich sein, wahrscheinlich ist es besser auf der grünen Wiese neu anzufangen. Aber als wir nach der Landung nach Friedrichsfelde gebracht wurden, sah es dann unterwegs zum Glück ein bisschen anders aus, es gab durchaus auch Gegenden, die weniger stark zerstört waren.

Die erste Begegnung mit den Berlinern war widersprüchlich. Man sah kein Lachen, es ging ja 14 Tage nach dem Krieg ums Überleben, ums tägliche Brot, da waren alle irgendwie beschäftigt und man hatte keinen rechten Kontakt zueinander. Unangenehm war, dass sich viele den Siegern anbiederten: Jeder wollte irgendeinem Kommunisten oder einem Juden geholfen haben. Wo waren denn alle die geblieben, die Hitler zugejubelt hatten und bis zuletzt, buchstäblich bis zum Brandenburger Tor oder bis zum Hitlerbunker diesen schrecklichen Kampf weitergeführt hatten? Aber es gab sie natürlich auch, Leute die wirklich anderen geholfen hatten oder die aus dem Zuchthaus oder den Lagern befreit wurden.

Markus Wolf, geboren 1923, emigrierte 1933 mit seiner jüdischen Familie in die Sowjetunion. Er war Rundfunkjournalist in Moskau und Berlin, bevor er Stasimitarbeiter wurde. Seit 1956 stand er an der Spitze der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) im Ministerium für Staatssicherheit (MfS) als Stellvertreter Mielkes. Einer seiner 4000 Agenten war Kanzlerspion Günther Guillaume, über den Willy Brandt stürzte.

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Am 8. Mai 1945 bin ich auf den Straßen Lembergs von den jubelnden Tänzern und Tänzerinnen einfach mitgerissen worden – ein einziger Taumel, unbeschreibliche Szenen der Freude. Ich erinnere mich noch an „Kalinka“, ein damals sehr populäres Lied, das konnte jeder singen, selbst wenn er den Text nicht wusste. Frauen, die ich überhaupt nicht kannte, haben mich geküsst, dazwischen sah ich Männer, die noch ihre KZ-Kleidung trugen – ob aus Not oder mit Absicht, ich weiß es nicht. Und kurioserweise feierte meine zukünftige Frau Maria ein paar Straßen weiter ebenfalls das Kriegsende. Aber das habe ich erst später erfahren.

Die Besinnung kam ganz plötzlich, als ich an all die Mitglieder meiner Familie denken musste, die diese Szenen nicht miterlebten. Von denen ich ahnte, dass ich ihnen wohl nie mehr begegnen würde.

Wie viele das waren, erfuhr ich erst später. Fünf Cousins und Cousinen waren übrig geblieben, die sich an diesem Tag auf die Suche machten. Von 54 Verwandten sind 49 durch die Nazis umgebracht worden. Deshalb habe ich den 8. Mai als einen Tag der Befreiung in Erinnerung, aber auch als einen Tag der Trauer, der unendlichen Trauer über diesen Verlust.Artur Brauner, geboren 1918, ist Filmproduzent. 1946 gründete er die Central Cinema Company. 1949 baute er seine Studios auf dem ehemaligen Gelände einer Giftgasfabrik in Spandau-Haselhorst. Große Erfolge hatte er in den 60er Jahren mit Filmen nach Edgar Wallace und Karl May.

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Ich erlebte den 8. Mai nicht in Deutschland, sondern in Ungarn, genauer, in Budapest. Deshalb eine andere Sicht.

Die sinnlose, nur von Hitler gewollte zweimonatige Verteidigung (und weitgehende Zerstörung) meiner Geburtsstadt endete schon am 15. Februar 1945. Für mich war das der Tag nicht der Kapitulation, sondern der Befreiung. Bis dahin lebten meine Eltern und beiden Geschwister (getrennt voneinander, mit gefälschten Papieren) in der täglichen Gefahr, legal als Juden ermordet zu werden: von Deutschen oder von Ungarn. Wir sahen uns am 17. Februar wieder, erfuhren vom Glück, dass wir, alle fünf, das Entsetzliche überlebt hatten. Dass beide Geschwister meiner Mutter umgebracht worden waren – ihr Bruder beim Bombenangriff in Budapest, da er den Luftschutzkeller nicht betreten durfte, ihre Schwester mit dem vierzehnjährigen Sohn in Auschwitz – das erfuhren wir erst zwei Tage und fünf Monate später.

Die Befreiung am 15. Februar war für mich nahe Wirklichkeit; die Kapitulation am 8. Mai eine ferne Nachricht. Mein Gedächtnis irrt trotzdem nicht: Jener spätere Tag (zu spät für viele), war für mich, den Dreizehnjährigen, ein Tag der Freude. Diese Freude blieb damals und später frei von Rachegefühlen, von jeder hämischen Genugtuung über die Niederlage der Mörder. Der 15. Februar war für mich das Ende des Krieges gewesen – der 8. Mai war der Anfang des Friedens. Wer das gute Geschick hatte (wie die meisten, die heute in diesem Land leben) nie zu erfahren, was ein endloser, grauenhafter Krieg ist, der kann sich nicht vorstellen, was es hieß: Von jetzt an ist Friede.

Der strahlende, hellste Nullpunkt: Ich durfte nun, ohne falschen Namen, ohne gefälschte „arische“ Herkunft, so heißen wie ich heiße. Ich wurde verantwortlich für mich und für alles, was ich künftig mit mir und in der Welt anfangen wollte. Losgelassen auf die Welt am 8. Mai 1945: hoffentlich nicht zu ihrem oder meinem Schaden.

Ivan Nagel, geboren 1931, war Kritiker und Dramaturg in München, Hamburg und Stuttgart. Seit 1988 ist er Professor für Ästhetik und darstellende Kunst in Berlin.

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