Politik : Der Terror und die Folgen: Ärger mit dem türkischen Freund

Susanne Güsten

Zum Abschluss gab es auch noch Ärger. Zumindest von den Türken hatte sich US-Vizepräsident Dick Cheney auf der letzten Station seiner glücklosen Nahost-Reise offenbar etwas mehr Zuspruch erwartet, doch die Visite in Ankara ging gründlich daneben. Der türkische Ministerpräsident Bülent Ecevit wiederholte nicht nur die Einwände aller arabischen Regierungen gegen einen Angriff auf den Irak, er nagelte den amerikanischen Besucher auch noch öffentlich auf das Versprechen fest, in absehbarer Zeit nichts gegen Bagdad zu unternehmen. Verärgert sagte Cheney daraufhin eine Pressekonferenz in Ankara ab und verließ das Land: Keineswegs habe er Ecevit dieses Versprechen gegeben, ließ er bei der Abreise verlauten.

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Unter vier Augen sprachen Cheney und Ecevit am Dienstagabend über die Irak-Frage. Doch die Vertraulichkeit währte nicht lange: Unmittelbar nach dem anschließenden Arbeitsessen trat Ecevit vor die Presse und verkündete, dass es keinen Krieg gegen den Irak geben werde. "Von einer Operation gegen den Irak kann in absehbarer Zeit keine Rede sein", sagte der türkische Regierungschef. "Das hat Cheney sehr deutlich gesagt." Mehrfach betonte Ecevit auf Nachfragen von Reportern, dass der US-Vizepräsident ihm dies "ganz klar" zugesagt habe.

Cheney selbst wurde von dieser Erklärung offenbar kalt erwischt. Noch am Abend ließ der US-Vizepräsident die gemeinsame Pressekonferenz mit Ecevit absagen, die für Mittwochmorgen geplant war; ohne weitere Erklärungen reiste er am Mittwochmittag aus der Türkei ab. Vor mitreisenden Reportern ließ er aber durchblicken, dass er sich von dem türkischen Regierungschef hereingelegt fühlte. "Ich habe gesagt, dass ein Angriff nicht bevorsteht - und das ist nichts anderes, als ich bei jeder Station der Reise gesagt habe", betonte Cheney.

Zu hören bekam der US-Vizepräsident in Ankara aber auch nichts anderes als bei den vorherigen Stationen seiner Reise. Wie aus Ecevits Umgebung verlautete, hielt der türkische Regierungschef dem Besucher einen energischen Vortrag über seine Argumente gegen einen Angriff auf den Irak: Die Türkei werde wirtschaftlich am meisten darunter zu leiden haben und außer dem Handel mit dem Irak auch ihr Tourismusgeschäft einbüßen; ein Zerfall des Irak werde die gesamte Region destabilisieren; die türkischstämmige Minderheit im Irak werde gefährdet; die arabische Welt werde rebellisch gemacht; die Beweislage für irakische Massenvernichtungswaffen sei nicht überzeugend.

Eine solche Tirade hatte Cheney wohl nicht erwartet. Obwohl die Türkei aus ihrer Skepsis gegen einen Irak-Krieg kein Geheimnis macht, hatte sie in den vergangenen Monaten signalisiert, dass diese Haltung nicht in Stein gemeißelt sei. Ganz gegen alle protokollarischen Bräuche versuchte es Cheney deshalb sogar direkt beim türkischen Militär und traf sich nach dem Gespräch mit Ecevit mit Generalstabschef Hüseyin Kivrikoglu. Doch der General, der auch politisch der mächtigste Mann in der Türkei ist, ließ den US-Vizepräsidenten auflaufen: Bei ihm sei Cheney an der falschen Adresse, sagte Kivrikoglu - da müsse er sich schon an die zivile Regierung des Landes wenden.

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