Politik : Der Terror und die Folgen: Hinterhalt in Singapur

Moritz Kleine-Brockhoff

An einer U-Bahn-Station in Singapur wollten die Terroristen zuschlagen: "Das ist die Yishun-Station", sagt ein Mann auf einem Videoband, das Singapurs Regierung am Wochenende veröffentlichte, "hier werden die US-Soldaten auf ihren Bus warten." Das Band soll in Afghanistan im Haus eines Al-Qaida-Anführers gefunden worden sein, die Stimme soll Hashim bin Abas gehören, der in Singapur verhaftet wurde.

Die Behörden in Singapur sind davon überzeugt, dass Hashim bin Abas ein Al-Qaida-Mitglied ist und dass er zusammen mit anderen einen Bombenanschlag an der Yishun-Station plante. Dort werden US-Soldaten regelmäßig von einem Bus abgeholt, der sie zu ihrem Marinestützpunkt bringt.

In Singapur sind insgesamt 15 Männer verhaftet worden. Die Regierung teilte mit, dass acht von ihnen in Al-Qaida-Lagern in Afghanistan ausgebildet worden seien. In ihren Wohnungen in Singapur habe man Material zum Bau von Bomben und eine Liste mit mehr als 200 amerikanischen Firmen gefunden, die Büros in Singapur haben. Die Verhafteten seien Mitglieder einer Gruppe namens "Jemaah Islamiya", die zum Al-Qaida-Netzwerk gehöre. Außer der Stelle, an dem die US-Soldaten ihren Bus besteigen, seien auch britische, australische und israelische Einrichtungen in Singapur beobachtet worden. Seit 1997 sollen Attentats-Pläne geschmiedet worden sein.

Dass es offensichtlich Vorbereitungen für Terroranschläge in Singapur gab, hat viele Einwohner schockiert. Der kleine Inselstaat, in dem vier Millionen Menschen leben, gilt als sicheres Land. Mitarbeiter der "Internen Sicherheitsabteilung" bespitzeln die Bevölkerung, Verdächtige können ohne Haftbefehl, Anklage und Gerichtsverfahren inhaftiert werden. "Die Sicherheitsbeamten haben die Situation im Griff", versuchte Singapurs Ministerpräsident Goh Chok Tong die Bevölkerung zu beruhigen. 13 der 15 jetzt verhafteten mutmaßlichen Terroristen müssen ohne Prozess zwei Jahre lang im Gefängnis bleiben.

Singapur, kleiner als Berlin, ist wegen seines überschaubaren Territoriums und der strikten Kontrolle des Sicherheitsapparates ein schwieriges Terrain für Terroristen. Der Staat liegt an der strategisch wichtigen Seestraße von Malakka, die den Pazifik mit dem Indischen Ozean verbindet. Amerikanische Schiffe stoppen seit Beginn des Krieges in Afghanistan häufig in Singapur, um Proviant und Treibstoff aufzunehmen. Im vergangenen Jahr wurde ein Hafenbecken eröffnet, das tief genug ist, um die riesigen US-Flugzeugträger aufzunehmen. 17 000 US-Bürger leben in Singapur.

Die Regierung Singapurs glaubt, dass "Jemaah Islamiya" Teil eines südostasiatischen Netzwerks von Terrorgruppen mit Verbindungen zu Al Qaida sei: Im Süden der Philippinen zum Beispiel operiert die Abu-Sayyaf-Gruppe, die immer noch zwei US-Bürger gefangen hält. In der vergangenen Woche trafen dort weitere US-Soldaten ein, sie sollen der philippinischen Armee helfen. Auf der indonesischen Insel Sulawesi unterhielt Al Qaida nach einem Bericht der "Washington Post" im vergangenen Jahr ein Trainingslager. Amerikanische und indonesische Geheimdienstleute gelten als Quelle dieser Information, weder die indonesische noch die amerikanische Regierung dementierte. "Mit der Verfolgung von Al-Qaida-Mitgliedern in Indonesien sollte nicht gewartet werden, bis die Organisation in Afghanistan erledigt ist", sagte der stellvertretende US-Außenminister Paul Wolfowitz.

In Malaysia sind bislang 40 Männer verhaftet worden, die die Regierung als Terroristen mit Verbindungen zu Al Qaida bezeichnet. Einigen der Verhafteten werden direkte Kontakte zu einem mutmaßlichen Attentäter des 11. September vorgeworfen. Wie in Singapur werden Verdächtige auch in Malaysia ohne Haftbefehl, Anklage und Verfahren eingesperrt. Die meisten der 40 Verhafteten sind nach Darstellung der Regierung Mitglieder der "Kumpulan Militan Malaysia". Ziel der Gruppe soll es sein, einen islamischen Staat in Südostasien zu etablieren, zu dem Malaysia, Indonesien und der Süden der Philippinen gehören sollen.

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