Der Terrorakt von London : Brutalität – zur Schau gestellt

Eine Bluttat schockiert Großbritannien und ganz Europa. Was steckt hinter dem bestialischen Mord?

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Trauer und Entsetzen am Kasernengelände in der Nähe des Tatorts.
Trauer und Entsetzen am Kasernengelände in der Nähe des Tatorts.Foto: Reuters

Der Schock über den Mord eines Soldaten auf offener Straße durch fanatische Dschihadisten lässt die Briten nicht los. Umso mehr, als sich die Ereignisse mit vielen grausamen Details fast live im Fernsehen abspielten – wie die Täter es wohl planten. Premier David Cameron sprach von Bildern, „die uns alle Übelkeit verursachten“. Aber er betonte auch, diese Attacke werde die Briten nicht entzweien, sondern im Kampf gegen den Terrorismus noch enger zusammenführen.

Was ist in Woolwich genau vorgefallen?

Der Tathergang kann aus einer Fülle von Zeugenaussagen und -videos rekonstruiert werden. Die Attacke begann am Mittwoch um 14.20 Uhr damit, dass ein Soldat, der aus einem Rekrutierungsbüro in London zu seiner Kaserne in Woolwich zurückkehrte, in unmittelbarer Nähe seiner Kaserne und einer Grundschule von den beiden Tätern in einem blauen Kleinwagen auf dem Gehweg angefahren wurde. Augenzeugen zufolge waren die Angreifer mit Messern, Fleischbeilen und einer Pistole bewaffnet. Unter dem Ruf „Allahu akbar“ – „Gott ist groß“ – versuchten sie offenbar, den Soldaten zu enthaupten. Dann zerrten sie den Toten auf die Straße und ließen ihn dort, unter aller Augen, liegen.

Die Männer machten nach dem Mord keinerlei Anstalten zu fliehen – oder auch weitere Personen zu verletzen. Sie schlenderten, einer mit einer Wollmütze bekleidet, vielmehr die nächsten 15 Minuten bis zum Eintreffen der Polizei um das Opfer, ließen sich filmen, sprachen mit Passanten. „Sie sagten mir, sie wollten einen Krieg in London beginnen. Ich sagte, da seid ihr allein gegen alle“, berichtete die Augenzeugin Ingrid Loyau-Kennett, eine Pfadfinder-Gruppenleiterin aus Cornwall. Sie wollte bei dem am Boden liegenden Opfer erste Hilfe leisten. Als sie sich aufrichtete, sah sie einen der Mörder über sich. „Da war dieser schwarze Typ mit einer Pistole und einem Küchenmesser und sagte: ’Geh von der Leiche weg.’“ In den Medien wird sie für ihren Mut gefeiert. Sie habe den Mann aufgefordert, seine Waffen abzugeben. „Würden Sie mir bitte geben, was Sie in den Händen halten“, habe sie gesagt.

Unklarer ist, was passierte, als die Polizei kam. Die beiden Täter seien auf die Polizisten mit ihren Waffen losgegangen, sagen einige: Andere berichten, die Polizei habe sofort das Feuer eröffnet. „Sie hat ihn erledigt wie ein Robocop“, twitterte Boya Dee von einer Rappergruppe aus Woolwich. „Ich konnte es nicht glauben. Es war Movie Shit (wie im Film).“ Die beiden Täter liegen verletzt im Krankenhaus, einer soll schwere, aber nicht lebensgefährliche Verletzungen haben.

Wer ist das Opfer?

Nach Angaben des britischen Verteidigungsministeriums diente der getötete Soldat früher in Afghanistan. Den Angaben zufolge kämpfte Lee Rigby ab dem Jahr 2009 als Maschinengewehrschütze in der afghanischen Provinz Helmand gegen die radikalislamischen Taliban. Danach war er im niedersächsischen Celle stationiert. Seit dem Jahr 2011 war er für die britische Armee in London tätig. Britische Soldaten sind regelmäßig Zielscheibe von Fanatikerhass und Terror. In Luton kam es 2006 zu einem Volksaufstand, als Muslime durch die Stadt marschierende Soldaten bespuckten. In Birmingham wurden 2007 sieben Männer verhaftet, die einen britischen Soldaten, der Moslem war, entführen, köpfen und ein Video von dieser „Hinrichtung“ verbreiten wollten. Dieser Plan könnte den Fanatikern von Woolwich als Anregung gedient haben.

Was weiß man über die Täter?

Der Name eines Täters wurde als Michael Olumide Adebolajo angegeben – 1984 in London in einer frommen, christlichen Familie geboren. Ein Bruder heißt Jeremiah, eine Schwester „Blessing“, englisch für Segen. Augenzeugen haben den Konvertiten auch als einen Mann identifiziert, der vor einer Woche in Woolwich an einer Straßenecke „gepredigt“ habe. BBC-Quellen zufolge wollte er sich 2012 der Terrorgruppe Al-Schabaab in Somalia anschließen und wurde auf dem Weg dorthin von Sicherheitskräften abgefangen. Premier David Cameron deutete an, dass beide Täter den Sicherheitsbehörden bekannt waren. Das wird die Debatte darüber anheizen, ob die Geheimdienste den Anschlag hätten verhindern können.

Am meisten wird die Briten schockieren, dass die Täter in ihrer Mitte in London aufwuchsen. Jeder, der mit Entsetzen in den Abendnachrichten die Hasstirade des Täters anhörte, der sich nach der Tat von einem Passanten filmen ließ, mit blutigen Händen, die Mordwaffen, ein Fleischbeil und ein Küchenmesser, in der Hand, konnte den lupenreinen Ostlondoner Akzent des Mannes hören. „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, rief er. „Wir schwören beim allmächtigen Allah, dass wir nie aufhören werden, euch zu bekämpfen, bis ihr uns in Ruhe lasst. Ihr werdet nie sicher sein“, gestikulierte Adebolajo.

Gibt es Verbindungen zu Al Qaida?

Einer der Täter entschuldigte sich dafür, dass Frauen die Tat hätten mit ansehen müssen. „Aber in unserem Land müssen Frauen das gleiche ansehen“, sagte er. Die Wendung „in unserem Land“ gilt als Hinweis, dass der Mann von islamischen, Al Qaida nahen Dschihadisten radikalisiert wurde. Er soll nach seiner Bekehrung zum Islam den Beinamen Mudschaahid geführt haben – einer, der den „heiligen Krieg“ führt.

Polizei und Geheimdienste werden nun vor allem nach möglichen Verbindungen zu größeren Terrornetzwerken suchen. Wahrscheinlicher ist, dass es sich um sogenannte „einsame Wölfe“ handelt, die von dschihadistischem Hassmaterial motiviert werden, das im Internet frei zugänglich ist, dass sie aber weit gehend allein operierten. Daran ändert erst einmal auch die Tatsache nichts, dass sie möglicherweise Komplizen hatten. Am Abend wurden ein 29 Jahre alter Mann und eine gleichaltrige Frau unter dem Verdacht der Beihilfe vorläufig festgenommen. Unvernetzte, selbst motivierte Terrorattacken gelten Sicherheitsexperten inzwischen als besonders gefährliche Bedrohung, weil sie weniger aufwändiger Vorbereitungen bedürfen und schwerer zu entdecken sind.

Gibt es Konsequenzen für die britische Sicherheitspolitik?

Soldaten haben nun offiziell Anweisung, sich nicht in Uniform in der Öffentlichkeit zu zeigen. Sicherheitsmaßnahmen an Kasernen und in Militärkreisen wurden verschärft. Überall in London, vor allem aber in Woolwich, wird die Polizeipräsenz noch sichtbarer werden. 1200 zusätzliche Beamte sind eingesetzt.

An der Sicherheits- und Alarmstufe für London und Großbritannien hat sich aber nichts geändert, sie liegt seit Monaten bei „substanziell“, der dritten Stufe von fünf, nach der ein Anschlag eine hohe Wahrscheinlichkeit hat. Londoner wurden aufgefordert, wie gewohnt ihrem Leben nachzugehen – „alles andere wäre genau das zu tun, was die Terroristen wollen“, sagte der frühere Innenminister Lord Reid.

Wie reagieren Politik und Gesellschaft,

was sagen Muslime?

Politiker aller Seiten beeilten sich, aufkommenden Islam-Hass im Keim zu ersticken. Regierungschef Cameron nannte die Tat „Verrat am Islam und an den islamischen Gemeinden“. Genau so deutlich war Bürgermeister Boris Johnson: „Es wäre falsch, die Religion des Islam für diesen Anschlag verantwortlich zu machen. Ebenso falsch wäre, irgendeine Beziehung zwischen diesem Mord und der Sicherheits- und Außenpolitik unseres Landes zu ziehen.“ Schuld sei „einzig und allein das verwirrte und geistesgestörte Denken der Männer, die diese Tat begangen haben“.

Der Grund dieser Interventionen war klar: Auf mehrere Moscheen in Südengland wurden in der Nacht Steine geworfen. Dutzende Anhänger der rechtsnationalistischen „English Defence League“ waren am Mittwoch teilweise vermummt zum Tatort gezogen. Nach einer Konfrontation mit der Polizei zogen sie ins Pub und sangen nationalistische Lieder. Der Führer der rechtsradikalen „British National Party“, Nick Griffin, behauptete, „Masseneinwanderung“ sei schuld.

Britische Muslim-Organisationen hatten die Tat schneller und unzweideutiger verurteilt als beim letzten Terroranschlag auf britischem Boden. „Wir billigen solche bösen Taten nicht und werden es nie tun und fordern, dass beide Männer streng bestraft werden, als Kriminelle und nicht als sogenannte ,Muslime’“, erklärte die Muslimgemeinde Woolwich. Die Islamische Gesellschaft erklärte: „Einen britischen Soldaten zu ermorden, ist ein Anschlag auf unsere Nation.“

In den Straßen und auf den Plätzen Londons war am Donnerstag von Unruhe oder Nervosität keine Spur. Die Einreiseprozeduren am Flughafen Heathrow liefen so routiniert wie immer. In der Tube, der chronisch überlasteten U-Bahn, gab es auf allen Linien „good service“, was sonst nicht selbstverständlich ist. Von verstärkten Sicherheitsvorkehrungen war nichts zu spüren. An Touristenschwerpunkten wie Piccadilly Circus oder Trafalgar Square kam es trotz leichten Regens zu den üblichen Menschenaufläufen. Vereinzelt knatterten Hubschrauber über der Innenstadt. mit gol

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